Skip to main content

Full text of "Ernst Eckstein (1845-1900). Elmas Bräutigam"

See other formats


1855 

E4- 

E5 


Elma's Brautigam 


ERNST ECKSTEIN 







c*\j lorcl = 

SPE EDY BINDER 
- Syrocute, N. Y. 

V Stockton, ColH. 


bis 10, Tausend 


JPä-rvlAtNf. 
• ( H-Krüyr)^ 


^.rvlAtHR 


1 

I 


PREIS 
' 50 PF. 
GEBUNDEN 
75 PF. 


ECKSTEIN's MODERME BIBLIOTHEK Ho. 23 

ELMR's BRflUTIGRM 

MODERNE NOVELLE 


ERNST ECKSTEIN 














Elma’s Bräutigam 

Novelle 

von 

Ernst Eckstein. 


1. bis 10. Tausend. 







Clfc*\jlord ■ — 

SPE EPY BINDER 

Syrocusc, N. Y. 
r Stockion, Colif. 





7 >T 

/fSS' 


Im Spätherbst 1889 bekam des Haus des Ma¬ 
jors Grabowsky Logierbesuch: ein reizendes acht¬ 
zehnjähriges Mädchen, das mit der jüngsten 
Schwester der Frau Majorin vom Pensionat her 
innig befreundet war. Elma von Udenrieth sollte 
in die grossstädtische Gesellschaft eingeführt werden. 
Da ihr Vater ein ausgesprochener Sonderling war, 
der sich von seinem Stammschlosse Udenrieth nicht 
losreissen konnte, ihre Mutter jedoch seit Beginn 
der Saison heftig an Neuralgie und Migräne litt, 
so hatte sich die Majorin zu dieser Einführung an- 
geboten, was übrigens kaum ein Opfer bedeutete. 

Elma von Udenrieth gewann sich sofort Aller 
Herzen. Sie war die Anmut und Weiblichkeit selbst, 
blond wie ein Sonnenstrahl und von lieblicher Un¬ 
bewusstheit. Das Einzige, was eine strenge Er¬ 
zieherin hätte aussetzen können, war ein gewisser 
Hang, den Eingebungen des Augenblicks rascher 
zu folgen, als dies innerhalb unserer wenig naiven 
Kultur-Verhältnisse ratsam ist. So begrüsste sie auf 
dem Künstlerfeste der „Pallas“ einen ihr vollstän¬ 
dig gleichgültigen Offizier, der in der malerisch 
wirksamen Tracht eines Wallensteinischen Reiters 





erschien, mit dem Ausruf: „Entzückend I“ Das 
nahm der Junge natürlich für eine halbe Erklärung 
auf, obwohl sie nicht das Geringste dabei gedacht 
hatte. Ihr gefiel das Kostüm, das Totalbild, — und 
nun gebrach’s ihr an Ueberlegung, um sich zu sagen, 
dies „Entzückend“ könne missdeutet werden. 

Kurt Leuthold war, als Elma von Udenrieth 
bei den Grabowsky’s eintraf, gerade in Görlitz, wo 
die Annenkapelle, sein Erstlingswerk auf dem Ge¬ 
biete kirchlicher Baukunst, eingeweiht wurde. 

Ganz erfüllt von den Eindrücken seines Er¬ 
folges kam er zurück, und Hess sich während der 
nächsten acht Tage nicht blicken; neue Entwürfe 
drängten so machtvoll in die Gestaltung, dass er 
bis in die sinkende Nacht über der Arbeit sass. 

Erst das vielbesprochene Künstlerfest des Ver¬ 
eins „Pallas“ riss ihn heraus. Hier hatte er mitzu¬ 
wirken. Die Dekorationen — deutsche Stadt zur 
Zeit des dreissigjährigen Krieges — waren nach 
seinen Vorlagen hergestellt. Am Morgen des Fest¬ 
tages überwachte er nun das Arrangement, — und 
am Abend spielte er mit vollendeter Glaubwürdig¬ 
keit die Rolle eines Wittenberger Studenten ... 

Elma erschien als flandrisches Edelfräulein. In 
dem wundervollen Brokatgewande sah sie geradezu 
fürstlich aus, und doch so jungfräulich-reizend, so 



SPE EPY BINDER 
— Syrocu*«, H. Y. 

~ Stockion, Colif. 


Wms m — 


blumenhaft, dass Leuthold noch desselbigen Abends 
sein Herz verlor. Er, der sonst nur immer ins 
Ganze lebte, der überall seine forschenden, schön¬ 
heitsverlangenden Augen hatte, — er schien, nach¬ 
dem der Festzug und die Aufführungen vorüber 
waren, nur noch für Elma vorhanden. Er führte 
sie durch sämtliche Nebenräume, erläuterte ihr mit 
grosser Beredtsamkeit die streng historisch gehal¬ 
tenen Coulissen, machte sie auf die interessantesten 
Masken aufmerksam, und tanzte mit ihr, als hinge 
von jedem einzelnen Walzer das Heil seiner Seele ab. 

Elma war mit dieser Methode äusserst zufrieden. 
Der flotte Wittenberger gefiel ihr; seine Art zu er¬ 
zählen, zu plaudern, sie auszufragen, unterschied sich 
so völlig von dem, was sie bis dahin erlebt hatte, 
dass sie es nur naturgemäss fand, wenn sich den 
feurig getanzten Walzern einige Polka’s, und den 
Polka’s eine Quadrille anschloss. Kurz, der Major 
Grabowsky und seine Gemahlin konnten nicht länger 
im Zweifel sein, dass sich hier eine gegenseitige 
Neigung entzündet hatte, deren Plötzlichkeit an die 
stürmische Herzensgemeinschaft Romeo’s und Julia’s 
gemahnte. 

Da sich die jungen Leute im zurechnungsfähi¬ 
gen Alter befanden, auch sonst sehr wohl zu ein¬ 
ander zu passen schienen — sie das sanfte, lieb- 




fi 


reizende, harmlos-fröhliche Mädchen, er der stolze, 
kraftvoll entwickelte Mann mit dem Blick des Ge- 
nie’s, und alle zwei in den besten äusseren Ver¬ 
hältnissen — so lag für die Familie Grabowsky nicht 
die geringste Veranlassung vor, den beiden Glück¬ 
lichen Hindernisse zu schaffen; denn der einzige 
Umstand, der hier bedenklich schien: Elma’s Papa 
mit seinem unzeitgemässen Adelsstolz — reizte, und 
lockte gerade den Uebermut der Majorin. Sie er¬ 
klärte ihrem Gemahl: wo sich die Stimme des 
Schicksals und der Natur so unüberhörbar ver¬ 
nehmen lasse, wie hier, da habe der Mensch sich 
zu beugen, selbst wenn er von Udenrieth heisse. 

Kurt Leuthold, schon seit lange mit den Gra- 
bowsky’s nahe befreundet, kam jetzt tagtäglich. Ehe 
der Monat zu Ende ging, war er glückstrahlender 
Bräutigam. 

Die Eltern des jungen Mädchens, bei denen 
sich Kurt sofort nach erlangtem Jawort vorstellte, 
empfingen ihn anfangs ein wenig zurückhaltend. Fast 
eine Stunde lang musste er, wie ein hungriger Can- 
didat, der sich um eine Hauslehrerstelle bewirbt, in 
dem Vorsaal Geduld üben. Die Ungehörigkeit dieses 
Verfahrens ärgerte ihn zwar nicht wenig: doch im 
Bewusstsein, von Elma geliebt zu werden, und im 
Vertrauen auf das, was er sein heiliges Recht nannte, 


SPE EDY BINDER 

— Syrocuie, N. Y. 

- Stockion, Colif. 



fiel es ihm leicht, dieses Verdrusses Meister zu wer¬ 
den. Endlich vorgelassen, siegte er in der That 
schon nach kurzer Frist. Die ruhige Sicherheit seine* 
Auftretens imponierte namentlich der Mama; seine 
leuchtenden Künstleraugen berauschten sie. Ein 
einziger Blick in dies schöne, männliche Antlitz 
weckte die Zuversicht, dass Kurt Leuthold alle Hoff¬ 
nungen einer ängstlich bangenden Mutter erfüllen 
würde. Frau von Udenrieth aber war die Seele des 
Hauses. Von ihr bestürmt, gab ihr Gemahl sehr 
bald seinen Widerstand auf. 

Zwei Tage nachher sprachen die Eltern des 
jungen Mädchens bei der Familie Grabowsky vor. 
Sie hatten durchaus nichts darwider, dass Elma 
noch ein paar Monate lang in der Hauptstadt blieb. 
Frau von Udenrieth unterdes wollte das Wichtigste 
ordnen und vorbereiten. Anfang Juni sollte die 
Hochzeit stattfinden. 

Verlobte sind in der Regel für die übrige Ge¬ 
sellschaft wenig erquicklich. Kurt und Elma je¬ 
doch machten eine glänzende Ausnahme. Ihr Ver¬ 
halten war musterhaft. Beide gefielen sich, sobald 
irgend Jemand zugegen war, in einer seltsam-scheuen 
Zurückhaltung, die der lebenslustigen Frau Ma¬ 
jorin manchmal zu weit ging. Bei Elma, die sonst 
durch ihr unbedachtsames Wesen oft Veranlassung 



zu Scherzen und Neckereien gegeben, und von der 
Majorin den Kosenamen „enfant terrible“ erhalten 
hatte, war diese Reserve doppelt bemerkenswert. 
Die Liebe zu Kurt schien das backfischartige Mäd¬ 
chen plötzlich zum Weibe gereift, und ihr Stim¬ 
mungen in die Seele geflösst zu haben, die ihr bis 
dahin fremd geblieben. 

Kurt Leuthold war ein brillanter Gesellschafter, 
Mit der Beredsamkeit eines Dichters erzählte er 
von seinen Jdeen und Plänen, von allerhand Ju¬ 
genderlebnissen, Reisen und Abenteuern, und Elma 
lauschte ihm dann, wie Desdemona den wunder¬ 
samen Berichten Othello's, wobei natürlich auch die 
Grabowsky's dankbare Zuhörer waren. 

Dann wieder spielte die junge Braut irgend ein 
flottes Salonstück oder eine Sonate von Beethoven, 
beides mit gleicher Vollendung; oder sie sang ein 
Schubert’sches Lied — und nun teilte man wieder 
die Verzückung des Bräutigams. 

Kurt Leuthold war von jetzt ab zwei Mal 
wöchentlich der regelmässige Mittagsgast der Gra- 
bowsky’s. Nach Tische begab sich das Brautpaar, 
wenn es die Witterung erlaubte, ins Hausgärtchen, 
und schritt dort Arm in Arm zwischen den Beeten 
einher. Ende Februar bereits gab es so milde Tage, 




&\j lorci _ — 
SPE EPY BINDER 
— Syrocui«, N. Y. 

T ~ Stockion, Colif. 






dass der Aufenthalt unter den frühlingsahnendcn 
Baumwipfeln eine himmlische Lust war. 

Jn der wuchernden Epheu-Laube unweit der 
Mauer stand eine Holzbank. Hier war man voll¬ 
ständig ungesehen, auch wenn der neugierige Bur¬ 
sche des Herrn Majors am Küchenfenster sein Putz¬ 
zeug handhabte. Und hier unter vier Augen holte 
man inbrünstig nach, was man in Gegenwart der 
Grabowsky’s an Küssen und Liebesworten versäumt 
hatte. 0, diese leidenschaftliche Andachtsstunde! 

Bei einer solchen Gelegenheit war es, dass Kurt 
Leuthold auf einen sonderbaren Gedanken verfiel. 

Er strich dem geliebten Mädchen das gold¬ 
blonde Haar aus der Stirn, hob ihr dann mit der 
Spitze des Zeigefingers das Kinn und schaute ihr 
gross in die Augen. 

„Elma“, begann er mit eigentümlichem Aus¬ 
druck, „willst Du mir eine Frage beantworten?“ 

„Gern.“ 

„Sieh mal, ich habe Dir nun schon so viel von 
meinem Leben und Treiben erzählt: Du aber, süsse 
Elma, erzählst mir gar nichts! Ich weiss nur, dass 
Du als Kind eine Zeit lang die Schule von Gradnau 
besucht hast . . .“ 

„Bis in mein fünfzehntes Jahr . . .“ unterbrach 
ihn Elma. 



„Gut. Und nachher hat Dein Papa Dich nach 
der Pension gebracht ... Dies und einiges andere 
hast Du ja mitgeteilt: aber — — — so kahl, so 
flüchtig . . .! Von Deinen Freundinnen aus der Pen¬ 
sion zum Beispiel kenn’ ich nur zwei oder drei; von 
Deinen Gespielinnen aus der Gradnauer Zeit nicht 
eine einzige! Und doch, ich kann Dir nicht sagen, 
wie Deine erste Jugend mich interessiert, wie ich 
geradezu Neid empfinde auf Jedermann, der Dich 
gekannt hat, eh’ Du mein eigen wurdest!‘ 

„Wirklich ?“ fragte sie lächelnd. „Aber es geht 
mir genau so! Komisch, dass man so früher gelebt 
hat, ohne etwas von einander zu wissen! Und jetzt 
möchte man sich keine Minute mehr loslassen.“ 

Sie warf sich stürmisch an seine Brust. 

„Elma,“ begann er nach einer Pause, „Du darfst 
mir's um Gotteswillen nicht übel nehmen, — aber 
ich kann nicht anders ... Es zwingt und drängt 
mich, wie eine fremde Gewalt, der ich mich beugen 
muss . . . Achtzehn Jahr alt bist Du geworden, ehe 
sich unsere Herzen gefunden haben. Offen und 
ehrlich: Hast Du schon früher einmal jemand lieb 
gehabt ?“ 

Das Mädchen errötete. 

„Süsse Elma“, hub Leuthold von neuem an, 
„wende Dich ja nicht von mir hinweg! Ich will 






jaxilorcl - 


(-jaxjl 

SPEEDY BINDER 

- Syrocu*«, N. Y. 

— — Stockton, Colif. 


— 11 


Dir nicht wehe thun, — aber ich möchte die Wahr¬ 
heit hören! Als ich zum ersten Mal Dich erblickte, 
so sanft, so kindlich, so völlig Blume, da hatte ich 
ein Gefühl, das nicht in Worte zu kleiden ist! So 
heilig erschienst Du mir, so ruhig-klar in all’ dem 
Getümmel, das Dich umwogte . . . Ich hätte mein 
Haupt verwettet: dies Mädchen ahnt noch nicht 
was Leben und Liebe heisst; kein Schimmer eines 
Interesses für irgend Wen ist jemals durch ihre 
Seele gezogen . . . Und jetzt mit einem Male kömmt 
mir so der Gedanke: Wenn ich mich damals ge¬ 
täuschthätte! Achtzehn Jahre! Sprich, Elma! Sag’ 
mir’s ganz ohne Rückhalt: Wie steht’s damit? Es 
wäre ja schliesslich kein Unglück . . . Man kennt 
doch die jungen Mädchen! Es giebt ein gewisses 
Alter, wo die Sehnsucht ohne Ziel ihre Flügel regt. 
Taucht dann zufällig eine Persönlichkeit auf, die 
halbwegs präsentabel ist, so entsteht jene harmlose 
Schwärmerei, die man verschwiegnen Freundinnen 
gegenüber als Liebe bezeichnet. Habt Ihr zum Bei¬ 
spiel in Eurem Pensionat einen rhetorisch begabten 
Lehrer gehabt, der Eure Mädchenherzen ein wenig 
vibrieren machte . . .? Was? Nicht wahr, Elma, ich 
hab’ es getroffen?“ 

Lachenden Blickes schaute sie zu ihm auf. 

„Du bist ja der reine Gedankenleser! Natur- 




12 


Hehl Da war der Herr Pfarrer, der den Confir- 
mationsunterricht gab — in den waren wir alle ver¬ 
liebt 1 Das gehörte zum guten Ton; das durfte man 
gar nicht anders!“ 

Kurt Leuthold fühlte sich etwas beschämt. Elma 
sah jetzt recht wie ein Kind aus, das vor kurzem 
erst seine Puppen in die Rumpelkammer verwiesen 
hat. Dennoch verblieb dem jungen Künstler ein 
Rest von Missbehagen. 

„Ich bin ein Sonderling,“ sagte er zögernd. 
„Aber ich sah einmal — in Tübingen war es oder 
in Heidelberg — wie ein sechzehnjähriges Mädchen 
beim Pfänderspiel drei schallende Küsse bekam. Die 
anderen lachten darüber: ich aber dachte so für 
mich hin: Wenn Du das Mädchen nun liebtest und 
sie heiraten wolltest, so wären dir diese drei Küsse 
doch recht unangenehm.“ 

„Schatz,“ erwiderte Elma, „in unsern Kreisen 
sind solche Pfänderspiele nicht üblich.“ 

„Um so besser! Ich führte das nur so an . . . 
Ich wollte erhärten, dass es doch Fälle giebt . . . 
Kurz und gut, liebe Elma, Du sollst Deinem Bräu¬ 
tigam Rede stehn! Ich verlange zu wissen, ob 
dies entzückende Mündchen hier — abgesehen von 
den berechtigten Liebkosungen der Eltern, Brüder 





<a\j lorci 
SPEEDY BINDER 
— Syrocuie, N. Y. 

~~ Stockton, Colif. 


— 13 — 


und sonstiger Anverwandten — jemals geküsst 
worden ist I“ 

„Nein, niemals!“ 

„Gewiss und wahrhaftig?“ 

„Aber was denkst Du nur?“ versetzte sie un¬ 
mutig. 

„Sei nicht böse, mein Engel! Also Du kannst 
mich versichern ..." 


„Kurt!“ 

„Schwöre mir’s — beim Glück unsrer Zukunft I“ 

„Um so etwas schwöre ich nicht.“ 

„Weshalb nicht? Eine Wahrheit kann man 
immer beschwören!“ 

„Reden wir doch etwas Gescheides!“ bat sie, 
flehentlich zu ihm aufschauend. 

„Eimal Du weichst mir aus! Ich bitte Dich, 
schwöre mir’s! Wenn Du Dich weigerst, nehme 
ich an, dass Deine blosse Versicherung eine Not¬ 
lüge war.“ 

Er war bleich geworden, als er dies sagte. In 
seinen tief dunklen Augen glomm ein unheimliches 
Feuer, die verzehrende und zerstörende Glut des 
Fanatikers. 

„Meinetwegen!“ erwiderte Elma nach kurzem 
Besinnen. „Wenn Du darauf beharrst . . .“ 

„Ja, ich beharre darauf. Nachdem nun die 



14 


Sache einmal zur Sprache kam, würde der Zweifel 
mir Herz und Seele vergiften. Also Du schwörst 
mir beim Glück unsrer Zukunft, dass niemals ein 
männliches Wesen — Verwandte ausgenommen — 
diese Lippen berührt hat?“ 

„Das schwör ich Dir beim Glück unsrer Zu¬ 
kunft I“ 

„So glaube ich Dir! Siehst Du, Geliebte, ich 
trage ein so wunderherrliches Bild von Dir in der 
Seele, dass ich Dich besser und reiner wünsche, als 
alle Uebrigen! Ich weiss ja, ein leichtlebiges Jahr¬ 
hundert spottet über den Thoren, der es mit ge¬ 
wissen Dingen so ernst nimmt: aber ich bin nun 
mal, wie ich bin, — und nun darf ich Dir sagen, 
dass Dein Schwur, den Du für zwecklos gehalten, 
mich selig macht über die Massen 1“ 

Sie erwiderte nichts. Schmeichlerisch legte sie 
ihm den linken Arm um den Nacken und presste 
ihren reizenden Mund wohl eine Minute lang auf 
den seinigen. 


Anfang April traf ein Brief der Frau von Uden- 
rieth ein, demzufolge Elma für etwa acht Tage ins 
Elternhaus zurückkehren musste. Stoffe waren zu 
wählen, Roben und sonstige Dinge sollten im 




n florci ■—— 


C/ I 
SPEEDY BINDER 

- Syrocuj«, N. Y. 

— Stockfon, Colif. 


Schlosse selbst, unter den Augen der Mutter, her¬ 
gestellt werden. Kurz, die Sache war unumgänglich. 

Zwei Stunden nach Elma’s Abreise fragte Kurt 
Leuthold telegraphisch bei Herrn von Udcnrieth am 
ob er gestatte, dass er, Kurt, sich für morgen bei 
ihm zu Gast lade. 

Die Antwort lautete. „Wird uns angenehm 
sein“ — und so dampfte denn Kurt schon am fol¬ 
genden Tage in aller Frühe nach Schloss Uden- 
rieth ab. 

Dringende Arbeiten lagen zur Zeit nicht vor. 
Er konnte fünf oder sechs Tage dort bleiben, falls 
man ihm das einigermassen nahe legte. 

Und dies geschah in der That. 

Herr von Udcnrieth fand seinen künftigen 
Schwiegersohn bei näherer Bekanntschaft „famos“; 
denn Kurt spielte vortrefflich Schach, war ein aus¬ 
gezeichneter Reiter, glaubte an die unmöglichsten 
Jagdgeschichten und hörte stillschweigend die lang¬ 
weiligsten Erörterungen über praktische Landwirt¬ 
schaft an. 

Eines Vormittags war nun Elma in Begleitung 
ihrer Mama nach Gradnau gefahren, um eine Schul 
freundin zu besuchen, die kürzlich geheiratet hatte. 
Herr von Udenrieth verhandelte mit dem Agenten 
einer Maschinenfabrik, der ihm wichtige Neuerungen 



16 


empfahl, hundert Einzelheiten mit grosser Umständ¬ 
lichkeit auseinandersetzte und etliche zwanzig er¬ 
läuternde Zeichnungen beibrachte. 

Kurt benutzte sein unverhofftes Alleinsein, um 
die prächtigen Wohngemächer, in denen sein heiss¬ 
geliebtes Mädchen herangewachsen, gründlicher an¬ 
zuschauen. 

Zuletzt betrat er ihr himmelblaues Boudoir, das 
ihn natürlich vor allen übrigen Räumlichkeiten in¬ 
teressierte. Ein undefinierbarer Wonneschauer über¬ 
rieselte ihn, als er so unbeobachtet und allein über 
die Schwelle schritt. Ein köstliches, ein berauschen¬ 
des Zimmer! Wie viel tausendmal hatte Elma, die 
wonnige Elma, in dieser duftigen Himmelsbläue ge¬ 
spielt und gearbeitet, geruht und geträumt! Es war 
ihm, als umwehe ihn allenthalben ihr Geist, als 
flüstere ihre herzbewegende Stimme aus jeder lau¬ 
schigen Draperie, aus jeder leise schwankenden 
Blume. 

Gegenüber dem kleinen schwarzblauen Sammt- 
sopha standen auf schön geschnitzten Rega¬ 
len aus Ebenholz einige Bücher. Kurt Leuthold 
beugte sich vor, um die Titel zu lesen. 

Die Zusammenstellung schien etwas willkürlich 
und systemlos; jedenfalls erlaubte sie keinen Schluss 
auf die Geschmacksrichtung der Besitzerin. Zwei 





lo rcl 



SPE EDY BINDER 
— Syrocus«, N. Y. 

~ Stockton, Colif. 


17 — 


oder drei Anthologieen, die bekannten Mädchen¬ 
historien von Clara Cron, Spiekers „Abendmahl“, 
der „Trompeter von Säckingen“, die Werke Schil¬ 
lers, die „Palmblätter“ von Karl Gerok, Elise Pol- 
ko’s „Musikalische Märchen“, eine Blumensprache, 
ein Traumbuch, ein neues Testament — dies alles 
fand sich hier bunt durcheinander . . . Storm's 
„Immensee“ und die unvermeidliche „Histoire de 
Charles XII.“ von Voltaire präsentierten sich Hand 
in Hand mit englischen und französischen Wörter¬ 
büchern. Kurz, man hatte den Eindruck, als zähle 
Elma durchaus nicht zu jenen leidenschaftlichen 
Litteraturfreundinnen, die ihren Büchern die näm¬ 
liche Pflege angedeih’n lassen, wie ihren Blumen. 

Zuletzt fielen die Blicke Kurt Leutholds auf 
ein zierliches Lederbändchen mit Goldschnitt, das 
die Aufschrift führte: „Gedenkschrift für alle Tage 
des Jahres.“ 

Er nahm es hervor. Das Buch enthielt auf 
den gelblich getönten Blättern eine Reihe von Ein¬ 
trägen, die sich vorwiegend auf die Geburtstage von 
Verwandten und Freunden bezogen. Viele der Na¬ 
men, die hier verzeichnet standen, hatte Kurt bereits 
nennen hören; manche waren ihm fremd. So gern 
er, bei seinem fieberhaften Interesse für alles, was 
Elma betraf, auch enträtselt hätte, was diese „Clara 
Elma's Bräutigam 2 



18 


von Eschwege“, diese „Martha Follenius“, dieser 
„Otto von Oertzen“ hier vorstellten: es schien doch 
unmöglich, aus so inhaltslosen Notizen etwas heraus¬ 
lesen. Schon wollte er das Gedenkbuch wieder an 
seinen Platz stellen, als er unter dem 20. Juli ein 
E fand, — mit der Jahreszahl 1886 und einem be¬ 
deutsamen Ausrufungszeichen. Gleich darnach, am 
27. Juli, prangte dies E zum zweiten Mal — ganz 
in der nämlichen Weise, nur noch grösser und kalli¬ 
graphischer. 

Ein sonderbares Gefühl der Unsicherheit über¬ 
kam ihn. Was bedeutete diese seltsame Hieroglyphe 
mitten unter den offenkundigen Namen? Jedenfalls 
auch einen Namen . . . Aber mit diesem, vor allen 
übrigen, war ein Geheimnis verknüpft — und welche 
Geheimnisse konnte ein junges Mädchen verbergen 
wollen? Das E bedeutete ganz ohne Zweifel den 
Vor- oder Zunamen eines jungen Mannes! 

Und die Jahreszahl 1886? Der junge Mann 
konnte doch nicht im Jahre 1886 geboren sein! — 

Also bezogen die Daten sich auf Erlebnisse . . 
Was aber konnte ein junges Mädchen mit einem 
jungen Manne erleben? Noch dazu, wenn die Er¬ 
innerung an diese Erlebnisse durch Ausrufungszei- 
rhen fixiert wurde? 

Abgeschmacktes, erbärmliches E! Niemals 






lora . ■■ ~ 
SPEEDY BINDER 

- Syrocuso, N. Y. 

- Stockton, Colif. 


— 19 — 

hatte Elma davon geredet 1 Bei dem rastlosen Eifer, 
mit welchem Kurt sie neuerdings über alles und 
jedes ausforschte, musste sie also dringende Ursache 
haben, dieses E totzuschweigen. Und sie hatte ihm 
doch geschworen . . . 

Er klappte das Buch zu, setzte sich auf das 
schwarzblaue Sopha und stützte den Kopf in die 
Hand. Er philosophierte. Was er auch zu Elma’s 
Entschuldigung hervorbrachte, — das eine stand 
fest: Sie war unaufrichtig und heuchlerisch. Wenn 
sie denn wirklich einmal ein Interesse gefühlt hatte 
— gut: so konnte sie’s ihrem Bräutigam, der sie 
so heilig und hoch hielt, ehrlich bekennen, und ihm 
die Peingefühle ersparen, aus allerhand Einzel-In- 
dicien die Wahrheit sich konstruieren zu müssen. 
Es ziemte sich nicht, dass eine Braut ganze Ideen¬ 
kreise besass, an denen sie ihren Verlobten nicht 
nachträglich teilnehmen liess. Das war heimtückisch 
und versteckt. Freilich sie kannte seine unsägliche 
Reizbarkeit—: aber ein offnes Geständnis war doch 
immer noch eine Wohlthat im Vergleich mit ihrer 
Methode, die es dem Zufall anheimgab, was oder 
was nicht an den Tag kommen würde. Wenn ihr 
denn wirklich jemand gefallen hatte . . . nun, der 
Gedanke war ja nicht gerade begeisternd, aber Kurt 
hätte sich doch als vernünftiger Mensch mit der 


Sache zurechtgefunden, während ihn jetzt die 
Empfindung nicht los liess, als könne er auf jeg¬ 
lichen Schritt seiner Lebensreise über neue unan¬ 
genehme Entdeckungen stolpern. 

Er seufzte, stand auf und näherte sich dem 
Schreibtische Elma's. War es hier traulich und 
hübsch — ach zu allerliebst! Zur Linken wallte die 
dunkelblaue Gardine in schweren Falten über das 
glatte Parquett; durch das gotische Bogenfenster 
hatte man einen herrlichen Blick in den Park, der 
jetzt eben im jungfräulichsten Grün prangte. Der 
Schreibtisch selber war ein vollendetes Meisterstück 
altertümlicher Möbel-Architektur, massiv und den¬ 
noch von eigentümlicher Grazie der Formen. Die 
zahlreichen Schubfächer zu beiden Seiten des Auf¬ 
satzes forderten die Indiskretion förmlich heraus. 
Es musste reizend sein, hier ein Stündchen herum¬ 
zukramen. Eine Menge zierlicher Kleinigkeiten 
stand auf der kranzumfriedigten Plattform: kleine 
Vasen und Bilderständer, Greenaway-Kinder in leb¬ 
haft glänzenden Farben, Kästchen aus Sandelholz, 
seltsame Muscheln, Parfümerieen, Onyxschalen mit 
allerlei unbeschreiblichem Tand: kurz, ein geord¬ 
netes, köstliches Durcheinander, wie es dem Sinn 
eines Mädchens entspricht, das gern sammelt und 
Reminiscenzen aufspeichert. Hier, vor der kleinen, 







v_y c*\j lorci -- 

SPE EPY BINDER 
Z= Syrocus«, N. Y. 

Stockion, Colif. 


— 21 — 

glasübeideckten Photographie, die Elma's Papa vor¬ 
stellte, hing eine halb vertrocknete Haiderose; da 
an dem Handleuchter von cuivre poli, war ein blau¬ 
graues Band befestigt; dort enthielt ein silberner 
Becher eine Unzahl abgestempelter Briefmarken, 
Ueberbleibsel vermutlich aus ihrer Schulzeit. Und 
rings um das alles herum quoll aus einer mächtigen 
Porzellanscherbe üppiger Epheu empor, — bis hin¬ 
auf zu den grossen Familienbildem, die in ge¬ 
schmackvollen Ebenholz-Rahmen das Ganze ab¬ 
schlossen. 

Kurt Leuthold setzte sich auf den gepolsterten 
Rundstuhl, und stützte abermals den Kopf nachdenk¬ 
lich in die Hand. Mechanisch ergriff er die kleine 
Saffian-Mappe, die links in der Ecke lag. Sie ent¬ 
hielt nichts von Interesse; nur einige vielfach mit 
Tinte getränkte Lösch-Kartons. Kurt suchte, ohne 
sich etwas Besonderes dabei zu denken, in dem 
Chaos verkehrter Buchstabenbilder etwas Leser¬ 
liches herauszufinden. Das war nun vergebliche 
Mühe. Das Einzelne hatte sich hier zum unauf¬ 
löslichen Netz verwoben. Da plötzlich gewahrte er 
oben am Rande, nicht abgedrückt und verkehrt, son¬ 
dern in rechtläufigen, überaus feinen Zügen, und 
zwar dreimal hintereinander den Namen Erich Mat¬ 
thäi. 


Kurt atmete kaum. Alles Blut Strömte ihm 
heiss nach dem Herzen. Er glich jetzt völlig dem 
Inquirenten, der ein neues bedeutungsvolles Indicium 
für ein begangenes Verbrechen entdeckt hat. El- 
ma’s Schriftzüge waren nicht zu verkennen, — und 
jede Linie trug den Stempel jener ausmalenden Sorg¬ 
falt, mit der man schreibt, wenn man tief in Ge¬ 
danken verloren ist . . . 

Dieser Erich Matthäi war ja natürlich identisch 
mit dem E im Gedenkbuche! Und was besagte das 
träumerische Gekritzel? Lächerlich! Wenn ein 
Mädchen dreimal hintereinander den Namen Erich 
Matthäi kalligraphiert, so ist sie in diesen Erich 
Matthäi verliebt, — bis über die Ohren verliebt, und 
wer daran zweifelt, den sperre man unbesehen ins 
Narrenhaus! 

Eine Zeit lang brütete Kurt wie ein Verzwei¬ 
felter. Mehr als die Sache selbst erregte ihn der 
Gedanke, dass ihm dies alles vorenthalten, dass er 
getäuscht worden war, und dass es nun ernstlich 
den Anschein hatte, als solle ihm jede Minute etwas 
Unzweideutiges in das verblüffte Gesicht schleu¬ 
dern. 

Er durchstöberte noch eine Schublade, die zu¬ 
fällig offen stand; alle übrigen waren verschlossen. 
Hier entdeckte er nichts von Belang, obgleich jeder 





C-ja\j lord z= 

SPEEDY BINDER 


Syrocuta, N. Y. 
: Stockion, Colif. 


— 23 — 

Zettel, jede gepresste Blume, jedes Schulheft ihm 
anfangs verdächtig schien. 

Endlich beruhigte er sich. Er beschloss, Elma 
bei' der nächsten Gelegenheit rundweg zu fragen, 
und ihr scharf zu betonen, dass es für einen Bräu¬ 
tigam äusserst fatal sei, in der Schreibmappe seiner 
Verlobten derartige sonderbare Symptome zu finden. 

Gegen halb zwei kehrte Elma mit ihrer Mutter 
zurück. Punkt zwei Uhr wurde gespeist, und als 
Herr von Udenrieth sich in sein Arbeitszimmer zu¬ 
rückgezogen, um daselbst seinen üblichen dritthalb- 
stündigen Nachmittagsschlaf zu halten, schlug Elma 
eine Kahnpartie vor. 

Dicht an den Park nämlich grenzte ein grosser 
Teich. 

Frau von Udenrieth war zu abgespannt, um 
nicht gerne Verzicht zu leisten. 

So ruderte denn Kurt Leuthold seine Elma 
allein hinaus in die schimmernden Wasser. Eine 
herrliche Fahrt, eine himmlische Sceneriel So frei, 
so wohlig wehte der Friihlingswind über die weite 
Fläche, — und die reizend gewellten Hügel schienen 
ein einziges Blütenmeer. Auch Elma sah aus wie 
der leibhaftige Lenz. Dabei verlieh ihr das gold¬ 
blonde Haar, das sie neuerdings in die Stirn kämmte, 
und der weisse Halbschleier etwas Madonnenhaftes. 


24 


Und wie bezaubernd sie lachte und scherzte in 
ihrer glückseligen Kindesunschuld! Es war ja nicht 
anders möglich: Kurt Leuthold musste sich in seiner 
Berechnung getäuscht haben. Die Wahrheit und 
Ehrlichkeit in Person konnte nicht überzeugender 
dreinschauen, als diese liebliche, leuchtende Mäd¬ 
chenknospe. 

„Elma“, begann er, nachdem sie mitten im 
Teiche angelangt waren, „ich habe heut’ eure Ab¬ 
wesenheit benutzt, um ein wenig in Deinen Büchern 
herumzukramen. Da fand ich auch Dein Gedenk¬ 
buch . . .“ 

Er blickte ihr starr ins Gesicht. Keine Spur 
von Befangenheit! Langsamer und bedächtiger fuhr 
er fort: 

„Drei Tage bist Du jetzt hier, — aber 
meinen Geburtstag hast Du befremdlicher Weise 
noch nicht vermerkt I“ •> 

„Sieh’ doch, Du kluger Kopf!“ versetzte sie 
lachend und kreuzte die Arme ein wenig heraus¬ 
fordernd über die Brust, was ihr ganz allerliebst 
stand. „Erstens hatte ich hunderterlei zu thun; zwei¬ 
tens dachte ich gar nicht mehr an dieses Album; 
und drittens: brauch’ ich mir das noch ins Buch 
zu schreiben, was ein für allemal hier notiert ist? 
Was?“ 










— 26 — 

Sie deutete auf ihr Herz. 

„Das klingt ja reizend genug,“ entgegnete Leu¬ 
thold, „aber Du hast doch auch den Geburtstag 
Deiner Mama vermerkt . . 

„Ach, das geschah so im ersten Eifer, und nur 
der Vollständigkeit halber . . 

Kurt hatte die Ruder jetzt sinken lassen. Er 
faltete seine Hände über dem Knie und sagte ein 
wenig ironisch: 

„Hast Du vielleicht auch das E unter dem zwan 
zigsten Juli — das E mit dem Ausrufungszeichen 
— nur so im ersten Eifer notiert? Oder was hat es 
für eine Bewandtnis damit ?“ 

„Ein E mit einem Ausrufungszeichen?“ 

„Jawohl! Und zwar kehrt dieses pathetische 
E unter dem siebenundzwanzigsten Juli wieder; — 
vielleicht noch öfter; denn ich nahm mir begreif¬ 
licherweise nicht die Zeit zu einer genaueren Durch¬ 
sicht.“ 

„Ein E ?“ wiederholte sie kopfschüttelnd. 
„Weisst Du auch ganz bestimmt, dass es ein E 
war?“ 

„Ganz bestimmt!“ 

Sie zuckte die Achseln. 

„Elma I“ rief Kurt Leuthold erbittert, „Du 
solltest nicht wissen . . 


26 


„Mein Wort darauf I Wahrscheinlich hat sich 
mein Bruder Paul einen Spass erlaubt.“ 

„Es ist Deine Handschrift 1“ 

„Ich will da weiter nicht streiten,“ versetzte sie 
leichthin. „Jedenfalls hab’ ich den Anlass total ver¬ 
gessen.“ 

„So komm’ ich vielleicht Deinem schwachen 
Gedächtnis zu Hülfe, wenn ich Dich frage: Wer 
ist Erich Matthäi?“ 

Sie zog die Brauen zusammen, als ob sie nach¬ 
sänne. 

„Wie kömmst Du auf diesen Namen?“ 

„Nun, ich fand ihn, liebevoll aufgezeichnet, in 
Deiner Briefmappe.“ 

„Ach so! Erich Matthäi, hab ich Dir niemals 
von ihm erzählt ? Erich Matthäi, — das war ein Spiel¬ 
kamerad von mir und Paul; das heisst er war etwas 
älter als Paul.“' 

„Sonderbar!“ versetzte Kurt Leuthold. „Ein 
Spielkamerad, dessen Name so zärtliche Eintrag¬ 
ungen erfährt, und diese . . . Vergesslichkeit!“ 

Sie blickte unschuldsvoll zu ihm auf. 

„Ja, Du hast Recht!“ sprach sie, ein wenig 
errötend. „Es war eigentlich kindisch von mir, —- 
aber ich weiss nicht, Kurt, ich genierte mich so ... 
Mit diesem Erich nämlich wurde ich manchmal ge- 





K~f<z\jtorci : 


SPE EDY BINDER 
- Syracuse, N. Y. 

r ~ Stockion, Colif. 


27 — 


neckt ... Wir hatten denselben Weg nach der 
Schule'. . . Und , . . und . . .“ 

Die posthume Eifersucht, jene fruchtloseste, 
aber vielleicht gerade um dieser Fruchtlosigkeit wil¬ 
len peinvollste aller Empfindungen, schlug in Kurt’s 
leidenschaftlich bewegter Seele, trotz aller An¬ 
strengung seines Willens, in lodernder Flamme auf. 
Eine Zeit lang sass er bleich — wie betäubt . . . 
Endlich bezwang er sich. 

„Elma,“ sagte er so gelassen als möglich, 
„hältst Du es wirklich für angemessen, dass irgend 
etwas, und sei es auch nur eine Kleinigkeit, unaus¬ 
gesprochen zwischen uns Beiden dastehe? Sag’ mir 
die Wahrheit, — aber die volle Wahrheit! Mein 
Wort darauf, die Sache soll dann niemals wieder 
von mir berührt werden. Rund heraus: Wer ist 
dieser Erich, und was bedeuten die Ausrufungs¬ 
zeichen in Deinem Gedenkbuch ?“ 

„Gott, der Junge war nett Zu mir . . . und... 
und . . . wir hatten den nämlichen Schulweg.“ 
„Das hast Du schon mal gesagt.“ 

Elma schwieg. 

„Nun?“ drang Kürt in sie. „Du hast eine Art, 
Dir alles abfragen zu lassen, dass man verzweifeln 
möchte! In welche Zeit fiel denn diese .1 . . Be¬ 
kanntschaft ?“ 



„Ach, wir waren noch Kinder . . .“ 

„Das ist ein ziemlich vager Begriff. Ich bitte 
um klarere Auskunft . . 

„Gott, ich weiss nicht . . . Wart’ mal . . . ich 
glaube, ich war in der ersten Klasse . . 

„Also im fünfzehnten Jahre?“ 

Sie nickte. 

„Und er ?“ 

„Siebzehn bis achtzehn.“ 

„Schöne Kinder, — das muss ich sagen. Nun, 
und wie habt ihr euch kennen gelernt . . . ?“ 

„Ich war von der Schule her mit seiner Schwe¬ 
ster befreundet . . . Als dann später die Matthäi’s 
hier das Gut übernahmen, da besuchten wir uns ...“ 
„Wer?“ 

„Die Gretel und ich.“ 

„Der liebenswürdige Erich war natürlich da¬ 
bei.“ 

„Im Anfang nicht; später erst . . 

„Und er hat Dir den Hof gemacht?“ 

„Ist ihm nicht eingefallen.“ 

„Aber die Ausrufungszeichen?“ 

„Lieber Himmel, da wird irgend etwas ge¬ 
wesen sein, vielleicht die Leiterwagenpartie nach 
Krondorf, oder die Wettfahrt hier auf dem Teich.“ 
„Sonst nichts ?“ 





SPE EPY BINDER 

— Syrocuso, N. Y. 

E Stockton, Colif. 


— 29 — 

„Kurt!“ bat sie jetzt flehend, „lass doch dies 
entsetzliche Ausfragen! Die dummen Geschichten 
sind mir wirklich so kolossal uninteressant, — und 
der Tag ist so schön 1“ 

Sie sah aus, wie ein leise schmollendes Kind, 
dem die Eltern unrecht gethan haben. So wider¬ 
stand er nicht länger. Sie setzte sich neben ihn, 
und schmiegte das Köpfchen an seine Schultern. 
Rings kein Laut in der Luft; — nur die Wellen 
plätscherten kaum vernehmbar am Kiel der Gon¬ 
del. Es war wie ein Märchen . . . 


Vier Tage später kam Elma’s Bruder Paul 
auf Schloss Udenrieth an, um dort seine Ferienzeit 
zu verbringen. 

Trotz der Altersverschiedenheit von nahezu 
zwölf Jahren schloss er in kurzer Frist mit seinem 
zukünftigen Schwager die aufrichtigste Freundschaft. 
Er war ein offner, hier und da etwas allzu naiver 
Junge, leichtlebig und von gesellschaftlicher Ge¬ 
wandtheit, sehr zum Necken geneigt, und besonders 
mit Elma, die er von Herzen liebte, bei jedem An¬ 
lass im Wortgefecht. 

Gleich am ersten Tage verliess er die Früh¬ 
stückstafel mit der Bemerkung: 





30 



„Ich werde mal den Matthäi’s auf’s Dach stei- 
den. Vielleicht bringen wir einen Skat zusammen! 
Adieu I“ 

Kurt Leuthold heftete unwillkürlich die Blicke 
auf Elma. Sie schien vollständig gleichgültig. 

„Du hast’s wieder gut vorl“ sagte sie zu dem 
Bruder. 

„Mulier taceat in ecclesial Es hat eine Zeit 
gegeben — na, ich will Dich nicht in Verlegenheit 
bringen! Pax vobiscum!“ 

Mit diesen feierlich gesprochenen Worten ver- 
liess er das Zimmer. 

Elma von Udenrieth schaute blutrot in ihre 
Tasse. Kurt trat an’s Fenster, um das Peingefühl 
zu verbergen, das sich mit erneuter Macht in ihm 
regte. Er schaute dem Enteilenden nach, als in¬ 
teressiere ihn das übermütig flotte Gebahren des 
Jungen ganz ausserordentlich. Dann kehrte er mit 
einer spasshaften Bemerkung zum Tische zurück, 
und vertiefte sich ein wenig gewaltsam in ein Ge¬ 
spräch mit dem Schwiegerpapa. 


Gegen halb zwölf Uhr traf ein Bote mit einem 
Billet ein, in welchem Paul von Udenrieth meldete, 
dass er, die Erlaubnis der Eltern vorausgesetzt, 



ct\j iorc{ - 

SPE EDY BINDER 

Syrocujo, N. Y. 

_ Stockton, Colif. 


— 31 — 

bei Matthäi’s dinieren werde. Es gebe sein Lieb¬ 
lingsessen. 

Frau von Udenrieth, der in solchen Dingen das 
Machtwort zustand, hatte nichts einzuwenden. 

Kurz nach fünf kam die Schneiderin mit einer 
Unzahl grosser Packete. Elma war für mindestens 
anderthalb Stunden in Anspruch genommen. 

Kurt, den es nicht lange im Zimmer hielt — 
denn während des ganzen Tages beherrschte ihn 
eine innere Unruhe, die mit der harmlosen Rede 
des Knaben zusammenhing — Kurt benutzte die 
Zwischenzeit, um durch den prächtigen Park zu 
schweifen. Zwanzig Minuten lang war er so kreuz 
und quer gewandert, als Paul von Udenrieth, von 
einem zwei- oder dreiundzwanzigjährigen jungen 
Manne begleitet, des Wegs daher kam. 

Der Knabe befand sich augenscheinlich im Zu¬ 
stande höchster Fidelität. Er schwankte sogar. 

„Salve, carissimel“ lallte er mit weinschwerer 
Zunge, als er des Architekten ansichtig ward. „Siehst 
Du, Matthäi, das ist nun mein zukünftiger Schwager, 
mein wirklicher, ächter! Na, Du kannst 
mich nun loslassen! Nicht wahr. Leuthold, Du hast 
die Gewogenheit und expedierst mich nach meiner 
Bude? Ad vocem Bude: Darf ich die Herren mit¬ 
einander bekannt machen? Hier, mein . . . mein 


32 


verehrungswürdiger Freund Erich Matthäi, Phy¬ 
siker, Landwirt, Chemiker und so weiter, — und 
hier... Ach, Kinder, nennt Eure verdammten 
Namen doch selbst I“ 

Kurt Leuthold und Erich Matthäi verneigten 
sich und lüpften die Hüte. 

„Entschuldige, lieber . . . lieber Herr Bau¬ 
rat . . stammelte Paul, „aber ich fange an, so 
ganz paullatim confus zu werden. Paul paullatim 
. . . . brillanter Kalauer — aber unbewusst bis zur 
Bewusstlosigkeit. Erich, Du bist ein Schwindler .. 
Du hast mich besoffen gemacht . . .“ 

„Oho!“ protestierte Erich Matthäi. „Im 
Gegenteil . . 

„Was — im Gegenteil! Da giebts gar kein 
Gegenteil! Die Bowle war übrigens klassisch ... 
und wenn ich bedenke . . 

„Ich werde den Jungen nach Hause bringen!“ 
sagte Kurt Leuthold mit kühler Gemessenheit. 

„Es ist wahrhaftig nicht meine Schuld,“ ver¬ 
setzte Matthäi mit verbindlichem Lächeln. „War 
mir sehr angenehm . . .“ 

Er grüsste ausserordentlich höflich und ent¬ 
fernte sich dann, ohne weiter auf Paul zu achten. 

Kurt Leuthold führte den stark Bezechten nicht 






SPE EDY BINDER 
- Syracute. N. Y. 

~ 1 ■ ■■ Stockion, Coiif. 


- 33 - 


ohne Schwierigkeit nach einer der eisernen’Garten¬ 
bänke und hiess ihn niedersitzen. 

„Es scheint mir geraten,“ sagte er väterlich, 
„Du lässest Deine Bekneiptheit hier ein wenig ver¬ 
rauschen. Papa möchte die Sache fatal nehmen.“ 
„Ach was 1“ erwiderte Paul, auf die Bank 
sinkend. „Das ist mir vollständig Wurscht 1 
Papa kneipt selbst. Dummer Weise kann er nur 
mehr vertragen als ichl Aber die Bowle war phä¬ 
nomenall Darin ist Erich ein Virtuose! Nummer 
eins, mit Auszeichnung! Summa cum laude! Ueber- 
haupt, ein brillanter Kerl, fesch und flott, und 
immer patent wie ein Modejoumal!“ 

„Das imponiert Dir wohl sehr?“ 
„Gewissermassen — quo dammodo, oui! Mama 
hält mich in dieser Beziehung unverschämt knapp. 
Knapp, knapper, am knappsten! . . .Und wenn man 
doch auftreten will . . .“ 

„Wo willst Du denn auftreten?“ 

„Nun, zum Beispiel in Damengesellschaft... 
Du, ich seh’ Dir’s auf Ehr’ und Seligkeit an: Du 
verdampfst bald vor Neugierde 1 Na, ich will Dir’s 
gestehn, — aber die Hand darauf, dass Du die 
Sache geheim hältst! Ich habe da eine entzückende 
Flamme — hold, wie ein Engel . . . Sonnenhaft I 
Und denke Dir: zufällig war sie heute bei Matthäi’s!“ 
Elm»’» Brlntlgwn. S 



34 


„So ? Eine Flamme ? Wie heisst sie denn ?“ 

„Toni Schneider.“ 

„Das klingt äusserst romantisch. Seit wann 
verehrst Du sie denn?“ 

„Seit heute.“ 

„Du bist ein drolliger Kamerad I“ lachte Kurt 
Leuthold. 

„Wieso: drollig? Das Mädchen ist hübsch 
enorm hübsch. Bitte, thu’ nur nicht so . . . so... 
wie soll ich nur sagen . . . Du wirst auch schon 
Flammen gehabt haben. Na, und da weisst Du 
auch, dass man gern seine Rolle spielt . . .“ 

„Aha! Das also nennst Du „auftreten“. 

„Qui!“ 

„Und Erich Matthäi ist Dir in diesem Punkte 
voraus ?“ 

„Jes! Eminenter Kerl I“ 

„Sag’ mal, wie kommt’s überhaupt,“ fragte Leu¬ 
thold nach einer Pause, „dass dieser Erich Matthäi 
so vertraut mit Dir steht? Er ist doch mindestens 
fünf oder sechs Jahre älter als Du ?“ 

„Stimmt! Aber Du weisst doch, früher, als 
er noch in die Elma verkeilt war! Na, sie wird Dir’s 
erzählt haben . . .“ 

„Natürlich!“ lächelte Kurt mit verzweifelter 
Selbstbeherrschung. „Ganz genau hat sie mir alles 


36 


erzählt. Aber ich sehe nicht ein, was Du mit der 
Sache zu schaffen hast.“ 

„Sehr einfach. Ich hatte die Zwei einmal ab¬ 
gefasst . . . 

„So?“ 

„Rite abgefasst. Na, und da gaben sie mir 
denn himmelhoch gute Worte, ich möchte das Maul 
halten, und es war’ doch nichts weiter dabei . . 

Kurt Leuthold’s Augen brannten wie Feuer. 
Gern hätte er noch weiter gefragt, aber er fühlte, 
dass seine Selbstbeherrschung zur Neige ging. 

Er führte den Knaben daher durch die Seiten- 
thüre ins Haus und brachte ihn auf sein Zimmer. 

Dann begab er sich wieder zurück nach dem 
Park. Elma hatte versprochen, ihn nach Beendi¬ 
gung ihrer Obliegenheiten hier abzuholen zu einer 
abendlichen Spazierfahrt. 

Er wartete, wie ein Verbrecher auf das Ver¬ 
dikt der Geschworenen. 

Endlich um sieben Uhr, kam sie die grosse 
Allee herab. Ihr Antlitz leuchtete vor Glückselig¬ 
keit; ihm aber schwoll das Herz bis zur Kehle 
herauf; die Finger zuckten ihm, als gälte es, eine 
giftige Schlange zu fassen; Todtenblässe bedeckte 
sein Antlitz. 

„Lass mich!“ sagte er barsch, als ihn Elma 

3 ' 




36 


zärtlich umarmen wollte. „Ich bin’« jetzt müde, von 
Dir genarrt zu werdenI Entweder Du erzählst mir 
jetzt gutwillig, was Du mit diesem Erich Matthäi 
vorgehabt hast, oder ich gehe sofort selbst, und 
stell ihn zur Redei In dieser Minute nochl“ 

„Bist Du von Sinnen?“ 

„Lass die Komödie I Ich weiss alles, — die 
Hauptsache wenigstens — aber ich will jetzt die 
Einzelheiten aus Deinem Munde vernehmen. Glaube 
nur ja nicht, das sei eine Phrase I Dein Bruder hat 
mir erzählt, wie er Euch damals erwischte.. 

„Ach, Thorheitl“ stotterte Elma. 

„Wirst Du nun beichten . . .? Oder wünschest 
Du einen Eklat?“ 

Sie blickte zu Boden. 

„Was soll ich denn beichten?“ sagte sie wei¬ 
nerlich. 

„Du hast mit Erich Matthäi eine Liebschaft 
gehabt.“ 

„Eine Liebschaft I Wie sich das anhört 1“ 

„Ihr habt Euch „Du“ genannt?“ 

„Wir waren ja Kinder.“ 

„Elma! Bring’ mich nicht zur Verzweiflung! 
Hältst Du mich wirklich für so bodenlos albern, 
diese Ausreden gelten zu lassen? Ihr habt Euch 
anfänglich „Sie“ genannt und späterhin 



SPEEDY BINDER 
ZZZZ Syracuse, N. Y. 
■ ■ Stockton, Calif« 


- 87 — 

„Du“. Ist’s so? Wenn Dir daran gelegen ist, dass 
unser Glück nicht zu Grunde geht, so antworte 
mir 1“ 

„Jal“ versetzte sie tonlos. 

„Siehst Dul So lügst Du nun, — dreist und 
kindisch zugleich! Aber ich rate Dir, unterlass diese 
Thorheiten, die ja doch zwecklos sind! Denn das 
schwöre ich Dir bei Gott dem Allmächtigen: ich 
werde die Wahrheit herausbringen, — und sollte 
ich alles in Trümmer werfen. Lass nur den Flieder¬ 
busch da in Ruhe, und geberde Dich nicht wie be¬ 
leidigt! — Hat dieser Mensch Dich geküsst?“ 

„Auf die Hand!“ flüsterte Elma in kläglicher 
Haltlosigkeit. 

„Nur auf die Hand?“ 

„Und einmal auch auf den Mund.“ 

Kurt griff nun seinerseits in das Fliederge¬ 
büsch und zerbrach das Geäste mit der Kraft eines 
Rasenden. 

„Siehst Du, so möchte ich Dich zerknicken, 
Du erbärmliche Heuchlerin! Himmel und Hölle, 
ich hab’ es nun über und über satt, hier die Rolle 
des Inquisitors zu spielen! Dein zärtlicher Freund 
da drüben zeigt sich vielleicht weniger störrisch als 
Du. Wenigstens hab’ ich die Mittel zur Hand, 
ihn zu zwingen . . 





— 38 — 

Er wandte sich stürmisch zum Gehen. 

Elma, leichenblass, hielt ihn zurück. 

„Kurt,“ rief sie, während ihr heisse Thränen 
in’s Auge schossen, ,,thu’ mir die Schande nicht 
an. Rühr’ die alberne, unselige Geschichte nicht 
wieder aufl Ich will Dir alles gestehen, alles! Ach, 
hundermal schon war ich nahe daran. Dir aus freien 
Stücken .... Aber dann schämte ich mich, und 
ich dachte, wenn Du’s erführest, würdest Du grollen 
und Deine Elma nicht mehr so lieb haben.“ 

Kurt wandte sich um. 

„Er hat Dich also geküsst, und Du . . . hast 
seine Zärtlichkeiten erwidert ?“ 

„Ja.“ 

„Gut. So erzähle denn weiter. Ich will bis 
ins Detail wissen, wie die Affäre sich anspann, wie 
sie verlief, wie sie ihr Ende nahm. Bei der ge¬ 
ringsten Unwahrheit aber sind wir geschieden.“ 

Sie seufzte schwer auf. In hastigen, abge¬ 
rissenen Sätzen bekannte sie nun, was zwischen 
Erich Matthäi und ihr sich ereignet hatte. 

Es war die alte, hundertfach dagewesene Ge¬ 
schichte, im Grunde harmlos, nicht unantastbar in 
ihren Einzelheiten, -— und geradezu peinvoll für das 
erregte Gemüt Kurt Leuthold’s. 





t/orct - 


l orc 
SPE EDY BINDER 
- Syraco»«, N. Y. 

Stockton, Collf. 


— 3Ö — 

Erich Matthäi hatte dem vierzehnjährigen Kinde 
Artigkeiten erwiesen, die von Elma nicht unbemerkt 
blieben. Dann kam der entscheidende zwanzigste 
Juli — (das E mit dem Ausrufungszeichen) — wo 
diese Präliminarien ihr Ende nahmen. Er sagte ihr 
dass er sie hübscher finde, als sämtliche junge 
Mädchen seiner Bekanntschaft, dass sie entzückende 
Augen und einen prachtvollen Zopf habe, dass er 
sie liebe, mehr als irgend etwas auf der Welt. Elma 
versetzte, das freue sie ganz unmenschlich, — und 
nun fasste er sie um den Hals und gab ihr — just 
im Park ihrer Eltern und beinah’ an der nämlichen 
Stelle, wo sie jetzt ihre Beichte ablegte — ein paat 
leidenschaftliche Küsse, die sie glühend erwiderte. 
Das ging nun so bei jeder Gelegenheit weiter. Acht 
Tage später verfielen sie auf die Idee, sich zu schrei¬ 
ben, weil sich die Worte: „Ich liebe Dichl“ schwarz 
auf weiss so viel schöner ausnähmen, als gesprochen. 
Er sollte den Anfang machen. Am 27 . Juli abends 
erhielt sie den ersten Brief — das zweite E mit dem 
Ausrufungszeichen. Dann gab es Begegnungen, 
meist auf dem Weg zur Schule, aber auch ander¬ 
wärts, — hinter der Burgruine, im Erlengehölz, in 
den Strassen von Gradnau. Ueberall, wo es anging, 
wurde geküsst und gedrückt; zuletzt auch im Eltern¬ 
hause des jungen Menschen; denn man hatte das 



r f 



- 4t> - 

gute Gretchen, die Schwester Erich’s mit in’s Ver¬ 
trauen gezogen. 

Dies alles erzählte Elma stockend und stam¬ 
melnd wie eine Verbrecherin. 

Da sie zu Ende war, murmelte Kurt stirn¬ 
runzelnd : 

„Und er hat Dir niemals gesagt, dass er Dich 
heiraten wolle?“ 

„Nein.“ 

„So wirst Du’s nicht übel nehmen, wenn ich 
Dich frage, ob es bei diesen Küssen und Kosen 
wirklich verblieben ist?“ 

„Wie meinst Du das ?“ forschte sie aufschauend. 

„Nun, ich kann mir nicht vorstellen, dass ein 
nahezu achtzehnjähriger Mensch, der bei einem Mäd¬ 
chen aus guter Familie mit der blossen Erklärung 
„Ich wünsche Sie abzuküssen“ ein so glänzendes 
Glück hat, sich auf die Dauer mit diesem Erfolge 
begnügen sollte. Ich will alles wissen; verstehst 
Du mich, Elma?“ 

„Ich habe Dir alles gesagt 1 Das schwöre ich 
Dir bei Gott dem Allwissenden 1" 

„Schwöre mir lieber nicht! Auch damals, im 
Garten bei den Grabowsky’s hast Du geschworen. 
Entsinnst Du Dich? bei dem Glück unsrer Zukunft. 
Und dennoch war alles, alles schamlose Lüge...“ 



„Ich bereue das — ach, wenn Du wüsstest wie 
tief . . .1 Ich war ganz ohne Fassung; ich meinte 
Dich verlieren zu müssen, wenn ich die Wahrheit 

spräche . . , 

„Und jetzt? Jetzt soll ich Dir glauben . . ?“ 

„Glaube mir oder glaube mir nicht 1 Ich habe 
Dir alles bis ins kleinste enthüllt, und wenn ich auf 
der Stelle hier sterben müsste, ich könnte nicht 
anders reden . . 

„Dennoch, Du lügst! Ich aber, das geb’ ich 
Dir schriftlich, werde die Wahrheit ans Licht bringen 
und müsste ich Deinen angenehmen Verehrer sämt¬ 
liche Knochen im Leibe zerbrechen.“ 

„Thu’ was Du willst!“ sagte sie seufzend, und 
presste das Taschentuch wider die Augen. 

Ihr ganzes Wesen trug den Stempel der über¬ 
zeugendsten Wahrheit. So konnte ein junges Mäd¬ 
chen nur dann sich geberden, wenn sie ihrer Sache 
gewiss war. Die entsetzlichen Zweifel, die in Kurt 
Leuthold aufgetaucht waren, sanken alsbald zurück. 
Er bezwang seine Peingefühle und fragte dann 
milder: 

„Aber nun sag’ mir, um Gotteswillen, wie kamst 
Du dazu? Wissen denn Deine Eltern darum?“ 

„Nein.“ 


„Du hieltest die Sache also ängstlich ge¬ 
heim ?“ 

Ja.“ 

„Das heisst also: Du warst Dir vollkommen be¬ 
wusst, dass Du etwas Ungehöriges triebst?“ 

„Ich dachte die Mutter würde mich auszanken.“ 
Kurt lachte höhnisch. 

„Dachtest Du das? In der That, das nenne 
ich feinfühlig I Und mit dem vollen Bewusstsein 
dieser Ungehörigkeit hast Du die Sache so weiter 
geführt ?“ 

„Ich war . . . ich hatte ihn gern . . 

„Konntest Du ihn nicht gern haben, ohne Dich 
wegzuwerfen? Konntest Du mit Deiner Gunstbe¬ 
zeugung nicht abwarten, bis er Dir sagte: „Elma, 
ich will Dich heiraten?“ 

„Mit vierzehn Jahren denkt man doch nicht 
ans Heiraten 1“ 

„Redensarten! Jedenfalls "weiss ein Mädchen, 
das reif genug ist, um Freude an solcherlei Aven- 
türen zu finden, dass es dem Anstand zuwiderläuft, 
einem Manne Vertraulichkeiten zu gönnen, bevor 
er die Ehrlichkeit seiner Absicht bewiesen hat. Wenn 
er Dich halbwegs respektierte, hätte er diese Ab¬ 
sicht wenigstens heucheln müssen.“ 

„Kurt,“ rief sie mit flehender Stimme, „ich 





— 43 — 

bitte Dich herzlich, sprich nicht in diesem Tone! 
Was Du mir auch darwider redest: ich war ein 
Kind! Ich sagte mir wohl, die Sache sei nicht 
erlaubt: aber böses habe ich niemals dabei gedacht 1 
Wenn Du mich lieb hast — ach, ich muss ja jetzt 
fürchten, dass es mit Deiner Liebe vorbei ist... 
Oder kannst Du mir noch vergeben . . .?“ 

„Ich will’s versuchen,“ erwiderte Kurt frostig. 
Dann, von Mitleid und Liebe jäh überwältigt, 
schloss er sie heiss in die Arme. Sie sah zu ihm 
auf; so schön, so hingebend, dass er kaum wider¬ 
stand. Dennoch, da sie ihn jetzt voll zärtlicher Dank¬ 
barkeit küssen wollte, wandte er sich finster hinweg. 

„Lass das vorläufig 1“ murmelte er, in den frühe¬ 
ren Ton zurückfallend. „Ich kann mich immer noch 
nicht an den Gedanken gewöhnen, dass diese Lippen 
bereits . . . abgegras’t sind." 

„Ach, so vergiss das doch!“ schmeichelte sie 
und presste ihr Köpchen an seine Brust. „Alles 
das war doch nur dummes Zeug! Erst seit ich Dich 
kennen gelernt, weiss ich, was lieben heisst 1 Du 
allein bist der Stern meines Lebens, mein Glück, 
mein Abgott!“ 

Er zuckte die Achseln. 

„Das geht Dir so glatt und geläufig über die 
Zunge . . . Natürlich! Du hattest ja frühzeitig 


44 


Uebung. Nochmals: ich bitte Dich, lass mich jetzt! 
Ich bin just nicht in der Stimmung, Zärtlichkeiten 
zu tauschen, vielmehr wünsche ich Antwort auf eine 
weitere Frage, die nicht gänzlich ohne Interesse ist.“ 
„Frage denn,“ seufzte Elma. 

„Wie lange hat die Geschichte gespielt ?“ 

„Nur wenige Monate. Gleich darnach kam 
ich nach Glauburg ins Pensionat.“ 

„Hast Du von Glauburg aus mit ihm korre- - 
spondiert ?“ 

„Das ging nicht.“ 

„Und während der Ferien . . .T Die ver¬ 
brachtest Du doch im Elternhause . . ?“ 

Allerdings . . . Aber als ich zum ersten Mal 
heimkehrte, da schickte er mir durch den Gärtner¬ 
burschen . . . meine Briefe zurück und mein Bild, 
und schrieb mir dabei, das könne ja doch zu nichts 
führen ... er sei noch zu jung . . . Kurz, er fand 
einen Vorwand, denn er hatte inzwischen mit einer 
andern was angefangen . . . Gott, die Sache ist 
mir so peinlich, und für Dich doch so gleichgültig.“ 
„Gleichgültig ? Meinst Du das wirklich ? Ich 
erfahre da ein bedeutsames Novum. Der Gärtner¬ 
bursche war also euer Vertrauter?“ 

Elma nickte. 

„Unglaubliche Dummheit!“ rief Kurt Leuthold 


i 




Kjaxjlord 

SPEEDY BINDER 



Syracuse, N. Y. 

Stockion, Colif. 


- 45 — 

erbittert. „Der Gärtnerbursche als postillon 
d’amour I Wähnst Du vielleicht. Euer Bote habe diese 
pikante Mission strengstens geheim gehalten?“ 

„Das weiss ich nicht.“ 

„Immer ,das weiss ich nicht*. Diese Redens¬ 
art ist wahrhaftig Dein drittes Wort. Also sitzen 
gelassen hat Dich Dein Seladon? Vortrefflich I Der 
junge Mann liebte die Abwechselung 1 Um so eher 
bin ich geneigt, seine Intentionen für nicht gerade 
loyal zu halten I Wie stand er denn mit dieser neuen 
Flamme ? Ist sie jetzt seine Braut ?“ 

Elma verneinte. 

„Also auch sie ist entthront worden, — und 
so weiter bis in das dritte Dutzend! Wahrlich, ein 
äusserst angenehmes Gefühl, sich sagen zu dürfen: 
dieser charmante Schmetterling war Dein Vor¬ 
gänger 1“ 

Elma schwieg. Funkelnde Thränen tropften 
ihr von den Wimpern. 

Jetzt schlug es halb acht. 

„Komm,“ sagte Kurt. „Ich bitte Dich, lass 
Deine Eltern nicht merken, was zwischen uns vor¬ 
gefallen I Morgen bei erster Gelegenheit reden wir 
weiter 1“ 



— 46 — 

Die ganze Nacht über that Kurt Leuthold kein 
Auge zu. 

Die Gestalt jenes Erich, der das Vorrecht be- 
sass, mit den Töchtern der besten Familien schlank¬ 
weg zu schäkern, ohne etwas anderes aussprechen 
zu müssen, als höchstseinen Wunsch nach diesem 
Amüsement, wich und wankte ihm nicht . . . Erich 
Matthäi war offenbar ein Roud . . . Heute die 
Braune, morgen die Blonde . . . Was durfte man 
füglich von einem solchen Menschen voraussetzen r 
Liebe war seine flüchtige Zuneigun-g für Elma 
von Udenrieth offenbar nicht gewesen . . . vV'ie 
Kurt Leuthold die Liebe begriff, war dieses Gefühl 
ja ewig, unendlich, keiner irdischen Wandlung 
fähig . . . 

Neue Zweifel durchtobten ihn. Elma hatte ihn 
zwar überzeugt, — aber jetzt, in der Einsamkeit des 
mondscheindurchleuchteten Zimmers, hielt diese 
Ueberzeugung nicht Stand. Seine lodernde Phanta¬ 
sie erging sich in den wildesten Kombinationen. 
Hatte Elma ihn damals belogen, so konnte sie auch 
diesmal Komödie spielen . . .Wer bürgte ihm denn 
für das Gegenteil? 

Da er die Sache sich ausmalte, setzte er sich 
wie von plötzlichem Grausen ergriffen, im Bett auf, 
und drückte sich die geballte Faust wider die Stirne 


i 



waw/orti tttz 

SPEEDY BINDER 


~I " Syrocujo, N. Y. 
" Stockion, Colif. 


- 47 — 


So verharrte er wohl eine Stunde, bis ihm ein Plan 
durchs Gehirn schoss, der da geeignet schien, ihm 
Gewissheit zu schaffen. 

Elma — das wusste er — war in allem, was 
sich auf die Institutionen des Staates, auf Recht 
und Gesetz bezog, von unglaublichster Naivität. 
Diese Naivität wollte er ausnutzen. 

Er verliess also am folgenden Morgen sehr 
frühe das Haus und kehrte erst gegen elf Uhr 
zurück. Er traf seine Braut alleintauf der Veranda 

„Ich komme von Herrn Matthäi“, sagte er ton¬ 
los. „Er war Kavalier genug, um einzusehn, dass 
ich ein unbestreitbares Recht auf die Wahrheit hatte, 
ln dieser Stunde noch reise ich ab.“ 

„Kurt! Was bedeutet das?“ rief das Mädchen 
erschreckt. 

„Das bedeutet, dass es aus zwischen uns ist.“ 

„Thortieit! Sag’, dass Du scherzest, Kurt! Wie 
Du mich anschaust! Und ich hab’ Dich so namen¬ 
los lieb!“ 

Er lachte hohnerfüllt auf. 

„Du hast mich betrogen,“ versetzte er augen¬ 
rollend. „Schweig’ — und versichere mich lieber 
nichts 1 Einem Gentleman, der mir sein Ehrenwort 
giebt, glaube ich mehr, als einer leichtfertigen Per¬ 
son, der das Heiligste gerade gut genug ist, um 


es mit Füssen zu treten. Erich Matthäi hat mir bei 
seiner Ehre bekräftigt, dass Du — ihm alles ge¬ 
geben hast, was ein Mädchen verschenken kann!' 

„Dann hat er gelogen, ehrlos gelogen, so wahr 
ein Gott lebt!“ rief Elma ausser sich. 

„Also Du zeih’st ihn der Lüge?“ 

„Der schmachvollsten, erbärmlichsten Lüge!“ 
„Nun, so giebt’s ja ein sehr einfaches Mittel, 
diese Lüge ihm nachzuweisen.“ 

„Welches Mittel? Sprich dochl Du spannst 
mich ja auf die Folter.“ 

„Verklage ihn auf Verläumdungl“ 

„Was soll das helfen ?“ 

„Er muss dann seine Aussage vor Gericht bö 
eidigen. Schwört er falsch, so kommt er in’s Zucht¬ 
haus.“ 

Elma begriff nicht die innerliche Unmöglich¬ 
keit dieses Vorschlages. Sie wusste nicht, dass der 
Beschuldigte niemals vereidigt wird. Die Wirksam¬ 
keit des Mittels schien ihr also unzweifelhaft. Den¬ 
noch sträubte sie sich ungestüm. Der Gedanke, 
dass die Gerichtsverhandlung ihre Jugendthorheit an 
die Oeffentlichkeit bringen, dass sie Angesichts eines 
Tribunals und nun gar wo möglich vor zahlreichen 
Zuhörern über Dinge aussagen müsste, die ihr, so 
harmlos sie anfangs darüber gedacht hatte, jetzt 




— 49 - 

im Licht einer schnöden Verirrung erschienen — 
dieser Gedanke war ja nicht zu ertragen I 

Kurt beruhigte sie vollständig. Da es sich um 
so verfängliche Dinge handle, werde die Sache nicht 
öffentlich, sondern im engsten Kreis der Beteilig¬ 
ten, überdies mit der äussersten Delikatesse be¬ 
handelt werden. „Du selbst“, fuhr er nach einer 
Pause fort, „bist überhaupt nicht verpflichtet, vor 
dem Gerichtshöfe zu erscheinen. Du kannst Dich 
vertreten lassen. Gieb einem tüchtigen und ver¬ 
schwiegenen Rechtsanwalt Vollmacht, und alles ist 
abgethan.“ 

Sie zögerte noch. 

„Wär’ es denn nicht besser, die Sache einfach 
zu ignorieren? Es ist doch so fürchtbar peinlich.“ 
Dann aber, als Kurt die Brauen zusammenzog, 
fasste sie ihrenjEntschluss. 

„Gut,“ sagte sie. „Ich will alles ertragen, so¬ 
fern Du’s verlangst. Es wäre mir ja noch hundert¬ 
mal schrecklicher, wenn Du Dich lebenslang mit dem 
Zweifel herumschlepptest . . . Eigentlich sollte ich 
masslos empört sein ... So was mir zuzutrauen! 
Aber ich nehm’s als Strafe dafür, dass ich Dich 
damals belogen habe.“ 

Kurt Leuthold trat in das Zimmer zurück und 
setzte sich vor den Schreibtisch. Nachdem er sich 
Elma’s Bräutigam. 


4 


überzeugt hatte, dass Elnia ihn von draussen nicht 
beobachten konnte, schrieb er zwei Zeilen an den 
Rechtsanwalt Doktor Vigelius, mit dem er befreun¬ 
det war und steckte sie ins Couvert, das er dann 
schloss und mit der Aufschrift versah. 

Die wenigen Worte, die er so zu Papier ge¬ 
bracht, lauteten: 

„Altes Haus! 

Dieser Tage kehre ich in die Hauptstadt zu¬ 
rück. Habe Verlangen nach Dir! Sorge doch, dass 
Du am Sonntag zu Lerse kommst. Antwort un¬ 
nötig. Reise vielleicht schon morgen. Vale faveque!“ 

Kurt Leuthold schob diesen Brief, immer nach 
der Veranda schielend, in seine Brusttasche. 

Dann verfasste er eine etwas phantastische Voll 
macht, die den nämlichen Doktor Vigelius beauf¬ 
tragte, gegen Herrn Erich Matthäi Namens der 
Unterzeichneten wegen verläumderischer Beleidi¬ 
gung klagbar zu werden. In zarter Umschreibung, 
aber doch deutlich genug, war der Gegenstand 
dieser Beleidigung definiert. 

Hiernach nahm er ein zweites Couvert und 
schrieb gleichfalls die Adresse darauf. 

„Elma“, rief er, als er vollendet hatte. 

Bleich und traurig kam sie herein. Mit ge¬ 
dämpfter Stimme las er ihr das Aktenstück vor und 





— 51 — 


bat sie um ihre Unterschrift. Thränenden Auges 
setzte sie ihren Namen darunter. Dann eilte sie 
wieder zurück auf die Veranda. 

Kurt unterdess nahm den harmlosen Freund¬ 
schaftsbrief, den er so eben zu sich gesteckt hatte, 
wieder heraus, und schob statt dessen den Voll¬ 
machtsbrief in die Tasche, um ihn demnächst zu 
verbrennen. 

„Komm“, sprach er zu seiner Braut; „mach 
Dich zurecht! Du selber sollst dieses Dokument in 
den Briefkasten werfen.“ 

Sie folgte ihm ohne Widerrede. Während der 
fünf Minuten, die sie zurücklegen mussten, sprachen 
sie keine Silbe. Elma trug den Brief in der Hand. 
Da sie jetzt bei dem Briefkasten angelangt waren, 
stieg ihr nochmals das helle Blut in die Stirne. 

„Ach“, sagte sie schmerzlich bewegt, „was sind 
das für entsetzliche Fatalitäten . . .“ 

Da er schwieg, holte sie tief Atem, und warf 
die vermeintliche Vollmacht resigniert ein. 

Kurt hätte laut aufjauchzen mögen. Er hatte 
die wonnesame Empfindung, als wälze sich ihm 
eine unerträgliche Last von der Seele. Wenn ein 
sterblicher Mensch überhaupt etwas mit Bestimmt¬ 
heit zu wissen im Stande war, so wusste jetzt Kurt, 
dass Elma unschuldig war. 


4 ' 



Doch bezwang er seine freudige Aufregung. Er 
wollte sie noch eine Weile beobachten. 

Erst gegen Abend erklärte er ihr, dass er nur 
eine Kiiegslist gebraucht habe, um die Möglichkeit 
eines Zweifels ein für alle Mal abzuschneiden. 

Elmas Antlitz leuchtete auf. Laut schluchzend 
sank sie ihm an die Brust. 


Das Wohlgefühl, das Kurt Leuthold an diesem 
Tage gekostet hatte, hielt leider nicht lange vor. 
Zu lebhaft hatte er sich das Fürchterliche schon aus¬ 
gemalt, zu deutlich alle erdenkliche Situationen ge- 
sehn, die sich nicht sofort wieder bannen liessen. 

Und blieb denn, alles in allem, nicht gerade ge¬ 
nug, um ein erregbares Herz in peinvolle Schwin¬ 
gungen zu versetzen? 

Wie? Diese Elma, die sich so liebevoll an ihn 
schmiegte, die mit den lichtbraunen Augen so treu 
und minniglich zu ihm aufschaute, sie wiederholte 
jetzt nur, was sie früher schon gelernt hatte ? Das 
nämliche Köpfchen, das er mit so unbeschreiblicher 
Seligkeit streichelte, war bereits hundertfältig von 
jenem Buben geliebkost worden, und diese Lieb¬ 
kosungen hatten ganz das nämliche süsse, traumhafte 
Lächeln auf ihren Lippen hervorgerufen ? 




Ly a\j lorci . _r 
SFEEDY BINDER 


_ Syrocuso, N. Y. 

— Stockton, Colif. 


— 53 — 

Solche Gedanken verfolgten ihn unablässig. 

Jede Zärtlichkeit, die sie von jetzt ab ihm zu¬ 
wandte, trug einen verborgenen Stachel in sich; jedes 
freundliche Wort klang ihm nur wie ein Echo ihrer 
V ergangenheit. 

Sie hatte eine so reizende Art, ihn auf die 
Stirne, auf die Augen und dann auf das Kinn zu 
küssen, so weich, schwärmerisch, wie ein Hauch. 
Sein Entzücken jedoch verkehrte sich plötzlich in 
wühlende Bitternis, wenn er sich sagen musste: Das 
kennt sie von früher her! — 

Nach und nach überkam ihn, aller besseren Ein¬ 
sicht zum Trotz, eine schier krankhafte Sucht des 
Forschens und Nachspürens, eine selbstquälerische 
Manie, die Einzelheiten jener Vergangenheit stück¬ 
weise auszugraben. Anfangs scheute er sich: dann 
aber fragte er gerade heraus und bei allen erdenk¬ 
lichen Anlässen . . . 

„So hast Du dereinst wohl auch ihm die Hand 
auf die Schulter gelegt? Oder das Haar aus der 
Stirne geglättet? Wie umschlang er Dich denn? 
Wo traft ihr euch? War er denn stürmisch, wenn 
er Dich wiedersah? Drückte er lange die Lippen 
auf Deinen Mund? Wie lange? Eine halbe Mi¬ 
nute? Es ist zum Tollwerden I“ 

In dieser Weise ging es fast jeden Tag. Elma, 



54 


die sich geschworen hatte, ihrem Bräutigam gegen¬ 
über nie wieder unwahr zu sein, gab dann, wenn 
ihre flehenden Blicke erfolglos blieben, ehrliche Ant¬ 
wort — und schliesslich brach der kaum besänf¬ 
tigte Sturm der Entrüstung von neuem los . . . 

Auf diese Art lebte sich Kurt in eine Stim¬ 
mung des wildesten, verzweifelsten Ingrimms ein. 
Er verglich die überschwengliche Seligkeit, die er 
vor jener Entdeckung genossen, mit seinem gegen¬ 
wärtigen Zustand, und warf, exaltiert wie er war, 
einen leidenschaftlichen Hass auf Erich Matthäi, 
den er als den Zerstörer seines Glückes betrachtete. 
Ja, er kam sich diesem Fant gegenüber wie gehöhnt 
und gedemütigt vor. War denn Erich Matthäi nicht 
vollkommen berechtigt, mit souveräner Geringschätz¬ 
ung auf ihn herabzulächeln? Was er, Kurt Leut¬ 
hold, nur durch die Werbung um Elma’s Hand, 
durch die ehrenhafte Erklärung, sein ganzes Leben 
mit ihr teilen zu wollen, redlich erobert hatte, das 
war jenem Beneidenswerten mühelos in den Schooss 
gefallen! Er hatte nur flottweg zugegriffen, und 
Elma hatte sich diese Dreistigkeit fröhlich gefallen 
lassen. Das war ein Triumph! Was er, Kurt 
Leuthold, verzeichnete, schien, hiermit verglichen, 
so klein, so erbärmlich, dass er nicht aufschauen 
durfte, wenn Erich vorüber ging! 


j 



l orci - 

SPEEDY BINdST’ 


- ■ Syracuse, N. Y. 

Stockton, Colif. 


- 55 

In tiefster Verstimmung reiste Kurt Leuthold 
von Schloss Udenrieth ab. 

Drei Tage später verliess auch Elma das Eltern¬ 
haus, um noch einige Wochen bei den Grabowsky’s 
zuzubringen. Sie hoffte, ihren geliebten Bräutigam 
dort in dem Frühlingstreiben der lebenslustigen 
Hauptstadt endlich auf andere Ideen zu bringen, 
ihn zu versöhnen und zu der Anschauung zu be¬ 
kehren, dass es für einen Mann keineswegs eine 
Schmach bedeutet, kindliche Thor'heiten mit dem 
Schleier nachsichtsvoller Vergessenheit zu bedecken. 


Hätte Kurt Leuthold mit seiner krankhaften 
Ueberreizung sich rückhaltlos dem Major anvertraut, 
so würde dieser, als ein verständiger, ganz objektiver 
Beurteiler, ihm die Feingefühle, die ihn beherrschten, 
vielleicht noch getilgt haben. 

Er hätte möglicherweise gesprochen wie folgt: 

„Lieber Leuthold, Du bist, mit Verlaub zu 
sagen, ein Esel. Rühmen und loben will ich die 
Albernheit mit dem Erich Matthäi ja ganz und 
gar nicht: aber die Sache reicht doch nicht aus, 
den Bräutigam dieses entzückenden Mädchens zum 
unheilvollen Entschluss einer Trennung zu bringen. 




- 56 - 

Willst Du also, wie ich voraussetze. Deine Elma 
nicht aufgeben, so halte mir fein künftig das Maul, 
mache Dich mit solchen Aufwühlereien nicht lächer¬ 
lich und störe nicht mutwillig Deinen Seelenfrieden. 
Solche schwärmerisch veranlagte Backfischchen 
werden die besten Frauen; was sich so früh in ihrem 
Herzen geregt hat, ist trotz der unpassenden Form, 
in der es zu Tage trat, das Bedürfnis nach Liebe, 
das tiefe, ächte Gemüt, das nachher mit unsäglicher 
Hingebung an dem Manne seiner Wahl hängt. Die 
Verräterinnen, die ihre Männer unglücklich machen, 
rekrutieren sich niemals aus der Schaar der Unklug- 
Naiven 1“ 

So würde sein Freund Grabowsky vielleicht ge¬ 
sprochen haben. Da Kurt Leuthold jedoch all’ seine 
Kümmernis ängstlich in sich verschloss, aus Furcht, 
er möge zwiefach gehöhnt werden — einmal wegen 
der Sache selbst, und dann auch wieder, weil er 
das alles so tragisch nahm, — so wuchs das Ge¬ 
fühl der Zerrissenheit, das ihn verzehrte, nachgerade 
zur Monomanie. Er hasste jenen Erich Matthäi 
von Tag zu Tag glühender; er verabscheute ihn, wie 
der Priester den Entweiher des Heiligtums; er 
spürte ein Verlangen nach Rache, das, wie das 
Gift der Malaria, all’ seine Pulse zum Schwellen 
brachte. 






- 57 — 

Wenn er so träumend in seinem Sessel sass, 
tobten in seinem dumpf-brennenden Kopf die aben¬ 
teuerlichsten Phantasmen, deren Thema immer die 
Züchtigung des Verruchten war, der ihm das hei¬ 
lige, holde Bildnis Elma’s so tückisch verunglimpft 
hatte. 

Bald sah er sich dem jungen Manne im Zwei¬ 
kampfe gegenüber. Grausig wonnevolle Empfin¬ 
dung! Erich Matthäi hatte den ersten Schuss ge¬ 
habt . . . Mun hob Kurt seine Watfe. „Schutt 1 
rief er ihm zu. Dann drückte er los, — und Erich 
Matthäi, der süsse, tändelnde Mädcheneroberer, 
wälzte sich röchelnd in seinem Blute ... Er war 
in die Stirn getroffen. Da ... da . . . was quoll 
da so entsetzlich aus der klaffenden Wunde? Es 
war das Hirn, das schlaue, pfilfige Hirn, das all’ 
die imerhörten Ränke gesponnen, um das alberne 
Herz der Vierzehnjährigen kirre zu machen! Bravo, 
bravo! Das quoll und quoll — es war fürchterlich! 

Dann wieder fand sich Kurt Leuthold mit 
seinem Widersacher in der Einsamkeit eines dichten 
Gehölzes. Rings kein lebendes Wesen . . . Erich 
lachte aus vollem Halse . . . „Was soll das heissen?“ 
„Pah, ich lache, wenn ich an Elma gedenke! Das 
blühende Püppchenl Küsst sie noch so hübsch und 
so wonnig wie damals?“ — Im nächsten Moment 


hatte Kurt Leuthold den Ruchlosen bei der Gurgel 
gepackt. Er würgte ihn, würgte, würgte, bis die 
ersterbenden Augen ihm breit aus den Höhlen 
traten. 

So jagte sich Bild um Bild, ■— meist stürmische 
Auftritte, Kämpfe, Gewaltthaten. 

Zuweilen jedoch ging die Phantasterei dieser 
Rachsucht etwas subtiler zu Werk. Nicht körperlich, 
sonder seelisch suchte sie den Feind zu vernichten. 
Der Tod war ja doch eine Gnade im Vergleich mit 
dem, was ein gefoltertes Leben ihm anthun konnte. 
Da hatte sich Erich Matthäi z. B. nach langem Ge¬ 
tändel wirklich verliebt; er hatte ein Mädchen ge¬ 
funden, das ihn, ungleich der kindischen Elma, dau¬ 
ernd zu fesseln verstand; das er leidenschaftlich 
vergötterte . . . Dieses Mädchen wurde sein Weib. 
Nun begann Kurt Leuthold, dem glücklichen Ehe¬ 
mann Freundschaft heuchelnd, seine teuflischen 
Machinationen. Er verführte ihm die junge Ge¬ 
mahlin; er stahl dem einst so übermütigen Gecken 
die Ehre, und warf ihm dann die Beweise der 
Schmach hohnlachend in’s Angesicht. Jetzt war 
Erich Matthäi ein gebrochener, ein zertrümmerter 
Mann; sein Dasein schien für immer vergiftet, und 
Kurt Leuthold durfte nun aufatmen .... 



59 


Diesen selbstquälerischen Visionen folgten 
während der ersten Zeit immer und immer wieder 
peinvolle Ausfragereien, unerfreuliche Anspiel¬ 
ungen, boshafte Nadelstiche. Elma war ganze Tage 
lang tief unglücklich; in der Einsamkeit ihres Zim¬ 
mers vergoss sie die bittersten Thränen; sie empfand 
sogar einen heimlichen Groll gegen ihren Verlobten, 
— und nur die unendliche Liebe, die ihr das gute, 
weichmütige Herz so ganz und gar unterjocht hatte, 
liess sie alles wieder vergessen, sobald er ihr ein 
freundliches Wort sagte. 

Da mit einem Male, als dieser Zustand seine 
Höhe erreicht hatte, stellte Kurt Leuthold ganz un¬ 
vermittelt seine Thorheiten ein. Er war wie zurück¬ 
verwandelt. In jeder Beziehung gab er sich gütig 
und liebevoll; er überschüttete Elma fast noch eif¬ 
riger als zuvor mit schwärmerisch idealischer Hul¬ 
digung; er schien das Vergangene völlig verschmerzt 
zu haben. 

Vierzehn Tage lang war der Himmel dieser 
Glückseligkeit nicht getrübt worden, als Kurt Leut¬ 
hold plötzlich mit einer geradezu unerhörten Idee 
an Elma herantrat. 

Auf einem Waldspaziergang fragte er, zärtlich 
in ihre Augen blickend: ,,Habe ich Wort gehalten?“ 





— 60 — 

„Wie meinst Du das?“ 

„Nun, ich versprach Dir doch, die Vergangen¬ 
heit ruhen zu lassen . . 

„Ach sol“ 

„Und Du bist mir nicht böse mehr über mein 
abgeschmacktes Benehmen ?“ 

„Ich Dir bösel“ 

Sie schmiegte sich fester an seinen Arm. 

„Siehst Du,“ fuhr er im Tone ruhiger Freund¬ 
lichkeit fort, „ich musste die unverhoffte Entdeckung 
erst gründlich verarbeiten, um sie dann über Bord 
werfen zu können. Jetzt aber verfolgt mich unab¬ 
lässig ein neuer Gedanke, — und dieser Gedanke 
ist in der That grausenhaft . . . Da ich Dir einmal 
gelobt habe, nichts zu erörtern, was die Vergangen¬ 
heit irgend nur streifen mag, so werde ich natürlich 
nur dann reden, wenn Du ausdrücklich mir die Er¬ 
laubnis erteilst.“ 

„Kannst Du jenen Gedanken nicht auch sc 
überwältigen ?“ 

„Nein 1“ 

„So frage 1“ 

„Zu fragen habe ich nun allerdings nichts.. • 
Sine Thatsache nur muss ich Dir zu Gemüt führen, 
eine Thatsache, die so recht wieder einmal beweist, 



L ja\jlorc\ . 


SPEEDY BINDER 


i Syrocuse, N. Y. 

■ ■ ■ — Stockton, Colif. 


— 61 — 

dass ich bei allem scheinbaren Glück eigentlich doch 
ein Stiefsohn des Schicksals bin.“ 

„Das verstehe ich nicht . . 

w 

„Höre denn! Ich werde mich kurz fassen, — 

mm— ■ 

denn die Sache ist mir peinlich im höchsten Grade. 

Also.Jener.Mensch, dessen Namen 

ich nur widerstrebend über die Lippen bringe, ist 
und bleibt doch in einer Weise vor mir begünstigt, 
dass ich die Ueberzeugung nicht los werde, ihn 
allein habest Du wirklich geliebt. 

„Aber Kurt . . .!“ 

„Lass mich ausreden, Elma! Es ist genau so 
wie ich Dir sage! Hierbei denke ich keineswegs 
an den rein zufälligen Umstand, dass er zuerst kam, 
obgleich auch das ins Gewicht fällt. Nein! Ich 
meine doch etwas anderes! Sieh’ mal: ihm hast Du 
genau das Gleiche gewährt, was Du jetzt mir ge¬ 
währst. Ich aber bin Dein Verlobter, der Dir eine 
gesellschaftlich wertvolle Garantie bietet, dass er 
Dich heiraten wird, während, er nur seines olym¬ 
pischen Gaudiums halber küssen und kosen wollte. 
— Fühlst Du nicht, Elma, wie sehr ich, mit ihm 
verglichen, zurückstehe? Würdest Du mir viel¬ 
leicht solche Vertraulichkeiten gestattet haben, wenn 
ich Dir einfach gesagt hätte: Mein gnädiges Fräu¬ 
lein, Sie erregen mein Wohlgefallen. Ich möchte 




— 02 — 

Sie eine Zeit lang recht inbrünstig an’s Herz 
drücken I“ 

„Jetzt bin ich erwachsen und weiss, was sich 
ziemt . . . “ 

„Das ist leicht gesagt! Ich aber, mit Deiner 
gütigen Erlaubnis, fasse das anders auf. Ihn hast 
Du wirklich geliebt, während Du in m i r vielleicht 
nur eine konvenable Partie erblickst.“ 

„Das ist schändlich!“ rief sie entrüstet. 

„Alteriere Dich nicht! Zu diesem peinvollen 
Resultate muss ich ganz unabweislich gelangen, wenn 
ich die Gleichung aufstelle . . . Freilich, Du ver¬ 
stehst nichts von Mathematik! Aber soviel be¬ 
greifst Du vielleicht: falls Du mich ganz genau so 
liebtest, wie ihn, so müsstest Du auch mir gegenüber 
eine gewisse Unklugheit an den Tag legen. Kurz, 
ich vermag nicht an die Aufrichtigkeit Deiner Liebe 
zu glauben, wenn Du nicht auch um meinetwillen 
ein wenig . . . die gute Sitte verletzest . . .“ 

Sie sah verblüfft zu ihm auf. 

„Lassen wir alle Umschreibungen!“ fuhr er 
dann fort. „Die Sache ist eminent einfach. Hat 
Erich Matthäi im Vollgenuss aller einschlägigen Pri¬ 
vilegien den Bräutigam bei Dir gespielt, während er 
doch nur ein Fant war, der Dich zum Besten hielt, 
so rücke auch mich um eine Stufe hinauf in der 



(dj axjlord - 

SPEEDY BINDER” 



— 63 — 

Skala der Liebesgunst und lass mich Dein Ge¬ 
mahl spielen, wenn ich zur Zeit auch erst Dein 
Bräutigam bin!“ 

Elma war zu natürlich und zu entsetzt, um 
sich den Anschein zu geben, als verstehe sie nicht, 
was dieser Vorschlag besagte. Sie schwieg; ihr 
Mund zuckte; Totenblässe überdeckte ihr Antlitz.. 

„Nun?“ drängte Kurt. 

Sie fand nur allmählich Worte. Die Hände im 
Schooss gefaltet, blieb sie stehen, und schaute tief 
traurig in sein grell blitzendes Auge. 

„Hätte ich Dich nicht so namenlos lieb, ach, 
so lieb, dass ich nicht leben kann ohne Dich, — 
siehst Du, dann ginge ich jetzt meiner Wege . . . . 
für immer! Du hast mich beleidigt, Kurt, — bis 
auf’s Blut! Du trittst mich herz- und lieblos unter 
die Füsse!“ 

„Hast Du auch damals so ergreifend Moral ge 
predigt, als Erich Matthäi Dir seine Propositionen 
machte ?“ 

„Das war Gott sei Dank etwas anderes!“ 

„Allerdings etwas anderes! Aber gestatte mir 
scharf zu betonen, dass hier der Unterschied mir 
zu Gute kommt! Ich begehre von Dir, was Du 
dereinst so wie so mir gewähren wirst. Schön! Das 
findest Du scheusslich! Er aber verlangte etwas. 




worauf er niemals ein Recht hatte, was Du ihm 
ewig hättest verweigern müssen, — und dennoch 
sagtest Du ja, ganz ohne Besinnen, mit maiblumen- 
haftem Lächeln. Facit: In Deinen Erich warst 
Du vernarrt, mich aber liebst Du aus Zweckmässig¬ 
keits-Motiven, in Ermanglung des andern, vielleicht 
auch nur, wei Du alles, was Du an ächter Liebe be- 
sassest, ausgegeben hast in dem einen volltönigen 
Jugendgewitter . . . Von Leidenschaft, die sich sel¬ 
ber vergisst, von jener Thorheit, die doch für ihn 
so lockende Früchte trug, ist jetzt nicht mehr die 
Rede. Vielleicht, wenn Du später einmal meine 
Frau bist, und Herr Matthäi nähert sich Dir mit 
liebenswürdigen Remiscenzen, vielleicht bist Du 
dann weniger spröde; vielleicht . . .“ 

Die Stimme versagte ihm. Er griff mit ängst¬ 
lich fingernder Hand nach der Stirne, als zucke da 
ein brennender Schmerz, der Vorbote des Schlag¬ 
flusses oder des Irrsinns. 

Bleich, starr, ein Bild der vollendetsten Halt 
losigkeit, schritt Elma neben ihm her. Mit ihrer 
Logik war sie zu Ende; sie fühlte, dass er trotz der 
Klarheit seiner Beweisführung schmählich im Un¬ 
recht war; — aber ihr masslos erschrecktes Gemüt 
war unfähig zur Erwiderung . . . 

Dieser Zustand währte den ganzen Tag über. 



— 65 — 


Alle Welt sah ihr an, dass etwas Peinvolles in ihr 
vorging. Man befragte sie; man vermutete einen 
ernstlichen Zwist mit ihrem Verlobten; da sie dies 
abstritt, gab man es willig auf, ein Rätsel zu lösen, 
das ja im Grunde doch wenig Interesse bot; „denn“ 

. m f 

— so meinte Grabowsky — amantium irae . . . .! 
Der Zwist Verliebter giesst nur Oel in ihr Feuer!“ 

Elma war im tiefsten Innern verwundet. Die 
halbe Nacht hindurch weinte sie. Hatte sie denn 
das wirklich verdient durch jenes kindische Inter¬ 
mezzo? Hatte ihr Bräutigam deshalb ein Recht, 
sie so unerhört zu missachten? Und wenn er 
sie denn missachtete, warum löste er nicht lieber 
eine Beziehung, die ihm doch nur für allezeit Jam¬ 
mer und Pein versprach? 

Wie sie das dachte, erzuckte ihr Herz vor un¬ 
beschreiblichem Wehgefühl. Ach, sie liebte ihn ja 
so grenzenlos 1 Und nun entschuldigte sie wieder 
den Aufgeregten und zermarterte sich mit dem Ge¬ 
danken, ob er nicht wirklich Grund habe, die Aecht- 
heit ihrer Zuneigung in Frage zu stellen . . . Alles 
in der Welt hätte sie opfern mögen, um ihn dieser 
Ungewissheit ein für alle Mal zu entreissen. Freilich, 
wenn es kein andres Mittel gab — — — dann 
allerdings würde er sich zeitlebens mit seinen thö- 
richten Zweifeln herumschleppen müssen. Gott, o 
Gott, für was hielt er sie, dass er nur wagen 

Elma’s Bräutigam. S 





66 



durfte ...! Und hätte sein Leben auf dem Spiel 
gestanden — — —, der Gedanke, sich so zu ent¬ 
würdigen, war ja nicht auszudenken! Nie, nie, nie, 
— das stand mit unerschütterlicher Klarheit vor 
ihrer Seele. Lieber sterben, lieber im Elend ver¬ 
kommen — 

Die Bahn der extravagantesten Irrsterne lässt 
sich auf lange hinaus berechnen; der Lauf der 
menschlichen Dinge aber ist unberechenbar von 
heute auf morgen. 

Was Elma nie für möglich gehalten, das kam. 

Fünf Tage später klomm ihr Verlobter in 
stiller Nachtstunde vom Garten her, wie ein Romeo, 
zu ihrem Fenster empor . . . O, und er schmeichelte, 
und geberdete sich wie von Sinnen und schwur ihr 
bei allen himmlischen, er wolle sich vor ihren 
Augen den Tod geben, wenn sie nicht endlich, 
endlich seine qualvollen Zweifel beschwichte . . .1 
Es waren schreckliche Augenblicke . . . Ach, und 
dennoch, das süsse Bewusstsein, so bis zum Wahn¬ 
sinn von ihm geliebt zu werden . . .! Sie war völ¬ 
lig betäubt, sie wusste nicht mehr, ob sie starb oder 
lebte .... 

Am folgenden Morgen war er so freundlich, 
so ritterlich, dass ihr das Eis der Beklommenheit 



i 





a\j lorJ .z 
SPE EDY BINDER 

~ Syrocus«, N. Y. 

Stockion, Colit. 




— 67 — 

allmälig hinwegtaute. Niemals hatte er seiner Ver¬ 
ehrung für die Geliebte wärmeren Ausdruck ver¬ 
liehen, als jetzt, da sie doch schuldbewusst vor ihm 
stand. Und plötzlich wogte in ihrer bangenden 
Seele nur ein Gedanke, der alles andere verschlang 
wie eine hochquellende Springflut, — die Ueber- 
zeugung: Jetzt endlich glaubt er an deine Liebe! 
Jetzt endlich fühlt er, dass er dein ganzes Herz 
besitzt 1 

Elma war im tiefsten Kern ihres Wesens noch 
immer ein Kind. Nach kurzer Frist sah sie die Si¬ 
tuation ganz und gar mit den Augen ihres Verlobten 
an. So völlig stand sie unter dem Bann seiner 
geistigen Ueberlegenheit. 

So spann sich dieses unerlaubte Verhältnis vier¬ 
zehn Tage lang fort . . . 

Dann war die Stunde gekommen, da Elma 
zum letzten Male vor ihrer Hochzeit ins Elternhaus 
heimkehren sollte. Kurt hatte sich unschwer in 
diesen Wunsch seiner Schwiegermama gefügt, da 
eine dringende Reise ihn selber für einige Wochen 
nach St. Petersburg führte. 

Elma’s Koffer standen gepackt und umschnürt 
an der Vortreppe. Das junge Paar sass plaudernd 
auf seinem Lieblingsplatz in der Laube. Kurt 
pflückte einige Ranken und legte sie in sein Skizzen- 


buch, das er mitsamt dem bronzenen Schreibzeuge 
des Majors herzugeschleppt hatte. 

„Mein süsses Liebchen,“ raunte er schmeich¬ 
lerisch, „nun heisst es scheiden und meiden; Gott 
sei Dank nur für kurze Zeit; aber dennoch, — es 
schmerzt! Lass mich Dir also noch einmal be¬ 
kennen, wie schwer ich Dir Unrecht gethan! Mich 
allein hast Du wahrhaft geliebt —: alles andre 
war Thorheit. Das weiss ich jetzt so gewiss, dass 
ich vor Scham und Reue vergehen möchte . . .1 
Komm, schreibe mir da auf das leere Blatt irgend 
ein süsses Gedenkwort, eine Erinnerung an die 
Wochen unserer Gemeinschaft .... Das will ich 
dann, mit den blühenden Ranken, die ich gebrochen, 
treu auf dem Herzen tragen, bis zu dem seligen 
Augenblick, da ich Dich heimführe . . .“ 

„Was soll ich denn schreiben?“ 

„Was eine junge, reizende Frau ihrem toll¬ 
verliebten Gatten zu schreiben hat,“ hauchte er 
blinzelnd in ihr rosiges Ohr. „Wart’, mein Engel. 
Ich bin beredter in solchen Dingen als Du .... 
Wir fühlen beide mit gleicher Tiefe und Innigkeit; 
dem schüchternen Mädchen aber will die Rede nicht 
so flott aus der Feder. Sieh’, hier setz’ ich Dir's 
auf, und wenn Dir’s gefällt, so kopierst Du mir’s, 
— weisst Du, mit Deiner schönen Salonschrift, die 
so ein bischen steil auf der Zeile steht.“ t 




SPEEDY BINDER 

Syrocuie, N. Y. 

Stockion, Calif. 


Er löste zwei Blätter aus seinem Buche, eines 
für Elma, das andere für den Entwurf. 

ln kurzer Frist hatte er sein Konzept fertig. 

Er las ihr die wenigen Zeilen vor. 

Elma errötete heftig. Dieses „Gedenkblatt“ 
enthielt eine zwar zarte, aber durchaus unzweideu¬ 
tige Anspielung auf die Intimität ihrer Beziehungen. 

„Soll ich das wirklich abschreiben ?“ fragte sie 
zögernd. „Schickt sich das?“ 

„Bist Du nicht meine Frau?“ versetzte er leb¬ 
haft, und küsste ihr voll seliger Inbrunst die Finger¬ 
spitzen. „Jetzt vor Gott, — in wenigen Monaten 
auch vor der Welt?“ 

„Ja, Du hast Recht 1“ 

Sie beugte sich über die Tischplatte und schrieb 
ese duftumhauchte Erinnerung ab. Dann fügte 
sie noch einige Zeilen hinzu, als gälte es, dem Freuno 
zu beweisen, dass sie auch ohne Anleitung ein 
glühendes, leidenschaftlich erregtes Wort finde ... 
Mit grossen Zügen setzte sie ihren Namen darunter, 
und den Tag und die Jahreszahl. 

„So!“ sprach sie verschämt. „Halte das heilig, 
ie unsere Liebei“ 

Ein letzter Kuss . . . Zehn Minuten später rollte 
sie im Coup£ des Majors nach dem Bahnhof. 


70 


Vier Tage darnach erhielt der Major Grabowsky 
ein Schreiben aus Königsberg mit einer sorgsam ver¬ 
siegelten Einlage. 

Kurt Leuthold schrieb wörtlich wie folgt: 

„Theurer Freund 1 

Wenn Du mich lieb hast, so erfülle mir eine 
Bitte, ohne mich auszufragen, was mich dazu ver¬ 
anlasst. Ich fühle es wohl, meine Zumutung hat 
etwas geradezu Unverschämtes: aber ich schwöre 
Dir, ich weiss keinen Ausweg, als Deine Beihülfe 1 
Gieb das hier eingeschlossene Billet, sobald Deine 
Zeit es erlaubt, in Udenrieth ab, so jedoch, dass die 
Sache geheim bleibt. Der Brief enthält nämlich 
Dinge von der äussersten Wichtigkeit, die nur für 
Elma bestimmt sind. Ich wäre geradezu trostlos, 
wenn das Schreiben in andre Hände gelangte, als 
in die der liebenswürdigen Adressatin, oder wenn 
irgend jemand im Schloss eine Ahnung hätte, dass 
überhaupt ein Brief von mir angelangt sei. Es 
ist ein ächter, wahrhaftiger Freundschaftsdienst, den 
ich hier von Dir fordere. Nichts geringeres hängt 
davon ab, als mein Lebensglück. So verzeihst Du 
denn, —- und hältst Dich versichert, dass ich nötigen 
Falls für Dich, mein teurer, verehrungswürdiger 
Freund nach Süd-Afrika reise. — Dank, unauslösch¬ 
lichen Dank zum Voraus 1 — Kurt Leuthold.“ 

Es traf sich, dass der Major schon am fol- 









\ja\j iorc\ —_ 
SPEEDY BINDER 


Syracuse, N. Y. 

- Stockton, Collf. 


— 71 — 

genden Tag die kurze Fahrt nach Udenrieth unter¬ 
nehmen konnte. Um nicht verdächtig zu scheinen — 
denn er hatte ein sesshaftes Naturell, und gehörte 
nicht zu den Flatterhaften, die plötzlich ohne Ver¬ 
anlassung in die Hürden der Nachbarschaft ein¬ 
brechen — um also recht motiviert zu kommen, 
brachte er den Vorwand militärischer Aufträge an 
irgend eine benachbarte Garnison mit. Ueberdies 
ward er nicht lange gefragt, sondern herzlich be- 
grüsst, und dergestalt mit Rauenthaler, Pomard und 
Steinberger Cabinet übergossen, dass er den Kern 
seiner Mission beinahe vergessen hätte. Erst un¬ 
mittelbar vor dem Aufbruch gelang es ihm, der 
Braut seines Freundes den dreifach gesiegelten Brief 
unbemerkt zuzustecken, und ihr ein Wort in die 
Ohren zu flüstern, das äusserste Diskretion em¬ 
pfahl. 

Das junge Mädchen war über diese heimliche 
Art des Majors höchlich erstaunt. Unwillkürlich 
dachte sie an die Briefe Erich Matthäi’s, die ihr 
der Gärtnerbursche abends im Park zutrug, — da¬ 
mals, in jener thörichten Zeit, die nun so weit hinter 
ihr lag, wie eine Mär aus dem Altertum . . . 

Nachdem sich Grabowsky endlich verabschie¬ 
det hatte, begab sich Elma, zitternd vor Ungeduld, 
in ihr Zimmer und schloss sich dort ein, um den 
Brief zu öffnen. 



72 


Das Couvert enthielt zwei Blätter: eins von 
Kurt Leuthold, das andre von ihr selber geschrieben. 
Klopfenden Herzens erkannte sie jenes „Gedenk¬ 
blatt“ vom Tag ihrer Abreise. 

Sie errötete über und über. Was hatte das zu 
bedeuten ? 

Sie barg das eigentümliche Schriftstück in der 
Tasche ihrer Satin-Robe. Dann überflog sie mit 
hastigen Blicken die Zeilen ihres Verlobten . . 

„Unsagbar geliebte, angebetete Eimal 

Wenn Du den Inhalt dieser Epistel kennen 
gelernt haben wirst, mag es Dich füglich befremden, 
dass ich Dich mit so berauschenden Worten der 
Liebe und Zärtlichkeit anrede. Aber, ich muss, 
Elma, ich mussl Trotz der Unerschütterlichkeit 
meiner Entschlüsse lebt die alte, sehnsuchterfüllte 
Neigung noch fort, und lange Jahre wird’s währen, 
bis ich sie vollständig überwunden habe. 

Elma, ich kann Dich nicht heiraten! 

Nenne mich undankbar, thöricht, meinetwegen 
verrückt — aber es geht nicht I Deine Vergangen¬ 
heit lässt mich nicht losl Was ich mir auch an 
Vernunftgründen Vorhalten mag: alles bleibt wir¬ 
kungslos, alles erlischt vor dem einen Gedanken: 
Erich Matthäi. Diese Qual auf ein Leben hinaus 
zu verlängern, wäre doch Wahnsinn I Ich gebe 
Dich frei, Elma, und zwar um so unwiderruflicher, 




'd a y i 


SPEEDY BINDER 


; Syracui«, N. Y. 

— Stockion, Colif. 




— 73 — 

als ich erfahren habe, dass die Liebe Erich Matthäi’s 
bei der Nachricht von unsrer Verlobung aufs Neue 
erwacht ist. Jetzt endlich begreift er, welches 
Kleinod er in Elma von Udenrieth aufgab, und nun 
erfasst ihn die Reue, die Sehnsucht nach der Ver¬ 
lorenen. Ja, Elma, er liebt Dich, das weiss ich aus 
zuverlässigster Quelle, — und so schrankenlos tobt 
die alte Neigung in seinem Herzen, dass ich aus 
diesem Grunde schon nicht wagen möchte, den Ge¬ 
genstand seiner Leidenschaft zur Gemahlin zu 
nehmen. 

Also: wir brechen, Eimal In aller Güte und 
Freundschaft-aber wir brechen I 

Wenn es Dir gut scheint, bin ich gern bereit, 
vor der Welt Dir die Initiative zu lassen. Betrachte 
also eventuell diese Zeilen als nicht geschrieben, 
und melde D u mir, dass Du zurücktrittst. Ganz 
wie Du willst! 

Was Deine Zukunft betrifft, so geht sie mich 
ja, streng genommen, nichts an: dennoch gestat¬ 
test Du mir vielleicht einige Worte freundschaft¬ 
licher Beratung. 

Du bist mein gewesen, mein im vollsten Sinne 
des Wortes. Möglicherweise wirst Du Bedenken 
tragen, einem Ehrenmanne jetzt zuzumuten, ohne 
weiteres mein Nachfolger zu werden, obschon Du 
mutatis mutandis mir ohne weiteres die Zumutung 



stelltest, der Nachfolger Deines Erich zu sein. Sollte 
ein derartiges Bedenken aufsteigen, so vermag ich 
das nur zu billigen. Es wäre doch, weiss der Him¬ 
mel, die schmachvollste Perfidie, wenn Du je daran 
dächtest. Dein Schicksal mit demjenigen eines Un¬ 
beteiligten zu verknüpfen. Für Dich ist nur ein 
Gatte noch möglich: Erich Matthäi. Der nun wird 
ganz gewiss um Dich werben, sobald nur die Lösung 
unsrer Verlobung allbekannte Thatsache ist. In die¬ 
sem Falle scheint es mir nicht nur klug, sondern auch 
billig, wenn Du ohne jegliches Zaudern Ja sagst. 
Er im Grunde genommen trägt ja die Schuld daran, 
dass sich die Dinge so eigentümlich gestaltet haben. 
Sollst Du um seiner Leichtfertigkeit willen öde und 
einsam durch ein trostloses Leben wandern? Von 
mir, teure Elma, hast Du für Deine Ruhe nichts 
zu befürchten. Das eine, allerdings schwer kompro¬ 
mittierende Blatt, das Du am Tage Deiner Abreise 
schriebst, füge ich diesem Briefe hier an. Du wirst 
es unverzüglich vernichten — und so die ganze Ver¬ 
gangenheit völlig bestattet haben. Im Uebrigen 
darfst Du wohl fest davon überzeugt sein, dass 
mir nie etwas über die Lippen kommt, 
was Dir Verlegenheiten bereiten könnte. Zu allem 
Ueberflusse bekräftige ich dieses Versprechen mit 
meinem Ehrenwort. 

Solltest Du dennoch Skrupel empfinden, nach 





— 75 — 

dem, was zwischen Dir und mir vorgefallen, Deinen 
Erich zu heiraten, so wäre dies für mich ein erneuter 
Beweis, wie viel heisser Du ihn geliebt und wie viel 
höher Du ihn verehrt hast als mich 1 Mir hast Du 
ganz vergnüglich sein Glas geboten; ich habe ihm 
nachtrinken müssen; er aber . . . ja, Bauer, das ist 
ganz was änderest Doch diese Verhältnisse habe 
ich Dir ja hundert und aberhundert mal ausein¬ 
andergesetzt. Ich erspare mir also jede weitere Er¬ 
örterung. Was kümmert’s auch mich? Im tiefsten 
Abgrund meines Herzens begrabe ich die seligen 
Träume, die mich umblüht, die süssen Hoffnungen, 
die ich gehegt habe. Ich verschmähe Dich trotz 
aller Liebe, die ich noch fühle; den Ring aber, den 
Du mir einst geschenkt zur Besiegelung unseres 
Bundes, habe ich gestern vom Rand der Brücke 
hinab in den Strom geworfen. Leb’ wohl! Kurt 
Leuthold.“ 

Elma starrte auf diese unglaubliche Zuschrift 
wie eine Irrsinnige. Dann verfiel sie in einen Wein¬ 
krampf, der fast eine Stunde anhielt. 

Endlich fasste sie sich. 

Noch zitternd steckte sie eine Kerze an und ver¬ 
brannte den Brief mitsamt dem kompromittierenden 
Dokument. Es war ihr, als müsse sie alles, was 
mit diesem schrecklichem Augenblick der Ent¬ 
täuschung zusammenhing, aus der Welt schaffen. 




76 


Hiernach setzte sie sich an den. Schreibtisch, 
und schrieb ihrem Kurt acht lange Seiten voll der 
heissesten Liebesbeteuerungen, — ein ergreifendes 
Chaos von Angst, Vorwürfen, gestammelter Leiden¬ 
schatt und flehender Herzensqual. Sie beschwor ihn, 
das alles nicht gelten zu lassen, seinen fürchterlichen 
Entschluss, der sie zu Boden werfe, rückgängig zu 
machen, und das zu bleiben, was er bis dahin ge¬ 
wesen: der Stern ihres. Daseins, ihr Himmel, ihr 
Gott . . ... 

Nachdem sie geendet hatte, goss sie aus der 
Karaffe ein wenig Wasser über ihr Taschentuch, 
kühlte sich die brennenden Augen, und schritt eine 
eit lang, tiefatmend, durch ihr Gemach. Dann 
setzte sie ihren Strohhut mit den reizenden Mohn¬ 
blumen auf, die er so oft in seiner ekstatischen 
Weise bewundert hatte, und ging nach dem Brief¬ 
kasten. 

Das Schreiben Elma’s blieb unbeantwortet. Ehe 
ein Monat verstrich, war es allenthalben bekannt, 
die Verlobung zwischen dem Architekten Kurt Leu¬ 
thold und dem Fräulein Elma von Udenrieth habe 
sich aufgelöst. Nur über die Gründe der. Rück¬ 
gängigmachung und über die Frage, wer der aktive 
und wer der passive Teil sei, gab es zu Anfang 




— 11 — 

widersprechende Lesarten, bis nach Verlauf einiger 
weiteren Wochen die öffentliche Meinung sich dahin 
abgeklärt hatte, Fräulein von Udenrieth habe die 
Initiative ergriffen, weil sie trotz aller Sympathieen 
für den hochinteressanten Baukünstler eine noch 
interessantere Jugendliebe nicht habe vergessen 
können. 

Es war Kurt Leuthold selber, der diese Deu¬ 
tung ausgesprengt hatte, wie es auch lediglich seine 
Erfindung war, wenn er in seinem Absagebriefe 
an Elma behauptet hatte, Erich Matthäi interessiere 
sich noch für seine ehemalige Schulflamme. 

Nicht lange währte es, so nannte man auch 
den Namen des jungen Mannes, der sich so tief 
in das Herz des jungen Mädchens eingeprägt haben 
sollte, — und so drang denn die Botschaft natur- 
gemäss auch zu den Ohren dessen, den sie am 
nächsten betraf. 

Erich Matthäi War ein liebenswürdiger, gut¬ 
mütiger und leicht zu beeinflussender Charakter. 
Mit diesen Eigenschaften hing ebensowohl seine 
frühere Unbeständigkeit, als die gewaltige Rührung 
zusammen, die ihn jetzt überkam, da er sich sagen 
musste: „Du, mit Deiner gedankenlosen, albernen 
Liebelei trägst nun die Schuld, dass Elma von 
Udenrieth ewig unglücklich ist.“ Damals im Park, 
als er mit Leuthold zusammentraf, hatte der statt- 



78 


liehe Bräutigam, der ein vielgerühmtes Talent mit 
allen Vorzügen einer ritterlich-edlen Erscheinung 
vereinigte, ihm ganz ausserordentlich imponiert. 
Wenn Elma von Udenrieth diesen Bräutigam aus 
Liebe zu ihrem ehemaligen Schulgefährten ver¬ 
schmähte, so war es ganz zweifellos, dass ihr Herz 
überhaupt für keine menschliche Seele mehr zu¬ 
gänglich war; denn unter Tausenden konnte nicht 
einer mit Kurt Leuthold sich messen . . . 

Zum ersten Male in seinem Leben fand sich 
Erich Matthäi veranlasst, über seine Vergangenheit 
nachzudenken. Er prüfte und forschte. Er warf 
sich die Frage auf, ob er sich ehrenhaft gegen 
Elma benommen habe, als er ihr Liebe schwur, und 
sie zärtlich ans Herz drückte, ohne doch das zu 
fühlen, was Elma bei solchen Beteuerungen vor¬ 
aussetzen musste . . . 

Das heisst, er hatte ja etwas gefühlt ... Sie 
war ihm so hold erschienen, so herzig in ihrer licht¬ 
rosigen Blondheit ... Und wenn sie ihn küsste.. • 
Ach ja, es war doch Liebe gewesen, nur ohne den 
Ernst der Beständigkeit . . . Hätte er später, da sie 
ins Pensionat reiste, nicht die andern kennen ge¬ 
lernt, — die Grete und die Luise und die schwarz¬ 
äugige Eleonore . . . Aber er wusste bestimmt: 
keine von allen hatte so lieb zu ihm aufgeschaut, 







vy c*\j i orci —— 

_ SPE EDY BINDER 

: Syrocuse, N. Y. 

j~r Stockion, Colif. 

-- 



— 79 — 

und keine, keine war mit Elma von Udenrieth zu 
vergleichen . . . 

Während er so — zunächst aus Gründen der 
Selbstanklage — das Einst überdachte, war die ver¬ 
klärende Kraft der Erinnerung eifrig am Werk, 
dieses Einst wundersam zu vergolden. Das Be¬ 
wusstsein, dass Elma um seinetwillen Verzicht ge¬ 
leistet, wirkt ja ohnehin seltsam berauschend . . . 


So verstrichen zwei Monate. 

Vier- oder fünf Mal war Erich Matthäi dem 
totblassen Mädchen begegnet, hatte sie scheu und 
zaghaft gegrüsst, und bei diesem Anlass die Ent¬ 
deckung gemacht, dass sie jetzt trotz ihrer Blässe 
noch hundert mal schöner sei, als damals in den 
Tagen ihrer glückseligen Schulzeit. Der kleine, rei¬ 
zende Mund, der einst so fröhlich gelacht und ge¬ 
plaudert hatte, schien fast noch süsser in seiner 
schweigsamen Trauer. Und Elma’s Augen! So 
tiefgründig, so wonnig und seelenvoll wie diese halb¬ 
verschleierten Reh-Augen blickte ja nichts auf Erden 
so weit die Sonne schien! Er begriff nicht, wie er 
ein solches Geschöpf jemals hatte vergessen können! 
Ach, und die himmlische Treue, mit der sie, fast 
ihrem eignen Wollen zuwider, an dem rosigen Traum 
ihrer Kindheit festhielt. Um zu vergessen, um 
Ruhe zu finden vor ihren Erinnerungen, hatte sie 


80 


sich mit Kurt Leuthold verlobt. Wäre er nicht 
gewesen, der Stern ihrer Jugend, Erich Matthäi, 
sie würde diesen Kurt Leuthold geheiratet haben. 
So aber fühlte sie noch im rechten Moment, dass 
nichts ihr den einzig wahren Geliebten ersetzen 
konnte, und so trat sie zurück, um lieber einsam zu 
bleiben, als das Bild des einen, unvergesslichen, 
zu entweihen. 

Je mehr er dies überdachte, um so lebhafter 
regte sich eine Leidenschaft, die eben so zart und 
zurückhaltend als romantisch war. Er musste jetzt 
gut machen, was er gesündigt hatte; — ach, die 
Busse, die er sich auferlegte, war ja so wonnesam! 
Er wollte dies Herz, das ihm heimlicher Weise noch 
grollen mochte, ganz allmählig besänftigen und be 
schwichten und es dann zu sich herüberziehn, um 
es all sein Leben lang nicht wieder loszulassen.. • 

Es war in der That rührend, mit welcher Zag¬ 
haftigkeit der sonst so übermütige junge Mann dies 
Bestreben zu verwirklichen suchte. 

Einmal, da sich Elma, ein Buch in der Hand, 
auf die Steinbank neben der marmornen Ceres ge¬ 
setzt hatte, trat er plötzlich zu ihr heran. 

„Gnädiges Fräulein sind jetzt immer so trau¬ 
rig“, sagte er purpurrot vor Erregung. 

Erschreckt schaute sie auf. Dann ergoss sich 
auch ihr eine flammende Röte über das Antlitz. 









— 81 — 

Sie nagte die Lippen und blickte zurück in ihr Buch, 
ohne ihm Antwort zu geben. 

Erich Matthäi schwieg eine Weile. Dann 
meinte er zögernd: 

„Wir haben seit lange nicht zu einander ge¬ 
sprochen, obgleich wir Nachbarn sind . . . Ich 
schämte mich, gnädiges Fräulein . . . Ich kam mir 
so schlecht, so erbärmlich vor . . .“ 

„Wovon sprechen Sie eigentlich?“ fragte sie 
stirnrunzelnd. 

„Nun, von damals . . . Freilich, wer sein Glück 
so verscherzt hat, wer sich durch elenden Flitter 
verblenden liess . . .“ 

„Ich verstehe Sie nicht.“ 

„O, Sie verstehen mich ganz gut, gnädiges 
Fräulein, aber Sie wollen mich büssen lassen, wie 
ich’s verdient habe. Sehn Sie, nachdem Sie ab¬ 
gereist waren ins Pensionat ... da war ich vor 
Schmerz wie betäubt, und ich meinte, ich könne 
nicht weiter leben . . .“ 

Elma erhob sich. 

„Das ist ja empörend I Bitte, verlassen Sie 
michl Ihnen, verstehen Sie wohl, Ihnen allein hab’ 
ich es zu verdanken, . . .“ 

Sie unterbrach sich, um nicht den wahren Sach¬ 
verhalt preiszugeben. 

„Ich weiss“ hub Erich wiederum an, „dass ich 

Elraa’s Bräutigam. fj 


gcfrevelt habe, — schwer gefrevelt! Aber ich will 
nicht alle Hoffnung aufgeben, dass Sie mir noch 
verzeihen . . . Elma, kann das alles denn ausge¬ 
löscht sein — die frohe, glückselige Zeit . . 

„Verlassen Sie mich!“ 

Erich Matthäi senkte schweigend den Kopf und 
ging. Als er verschwunden war, schritt sie hastig 
dem Hause zu. Das Bild Kurt Leutholds war mit 
überwältigender Lebendigkeit in ihr wach gewor¬ 
den. Sie litt unsäglich. Bei alledem aber regte 
sich etwas in ihrem Herzen zu Gunsten des jungen 
Mannes, der einst so keck, so übermütig gewesen, und 
jetzt so traurig von dannen schlich, wie ein Misse- 
thäter, dem der Priester die Absolution verweigert. 

Von diesem Tage an ward ihr Gemüt mehr 
und mehr die Beute einer widerspruchsvollen Zer¬ 
rissenheit. 

Noch immer liebte sie Kurt — und doch, sie 
hasste, sie verabscheute ihn als die Quelle all' ihres 
masslosen Jammers. Wenn er denn über die soge¬ 
nannte Vergangenheit nicht hinauskam, weshalb war 
er nicht früher zu dieser Erkenntnis gelangt? Wes¬ 
halb hatte er nicht das Bündnis mit ihr gelöst, eh' 
sie sein Opfer geworden . . .? 

Ganz ähnlich schwankte sie in ihren Empfin¬ 
dungen für Erich Matthäi. Der junge Mann, nur 
von dem einen Gedanken beseelt, Elma zurückzu- 



— 83 — 

erobern und sie für immer an sich zu ketten, hatte 
es mit Hülfe Pauls, ihres Bruders, verstanden, den 
Verkehr mit den Udenrieths in möglichst unauf¬ 
fälliger Weise neu zu beleben. Er sah Elma jetzt 
öfter, — und immer klarer trat seine Absicht zu 
Tage, aus dem Spiele von ehedem heiligen Ernst zu 
machen. Elma, dies wahmehmend, glich dem Baum¬ 
wipfel, den ein wütender Wirbelsturm hin und her 
schleudert. Bald nahm sie sich in dumpfer Re 
signation vor, Ja zu sagen — aus Verbitterung gegen 
Kurt Leuthold, der da nicht meinen sollte, dass er 
ihr ganzes Leben unwiderruflich zertrümmert habe. 
Gleich darnach erschien ihr dies Ja, das sie plante, 
aus völlig entgegengesetzten Motiven zu fliessen: 
aus glühender Sympathie für Kurt, der so den 
Triumph der Revanche geniessen und auf Erich 
Matthäi, als den Betrogenen, höhnisch herab¬ 
lächeln sollte. Dann begegnete sie wieder den treu¬ 
herzig gutmütigen Blicken ihres Bewerbers, und sie 
meinte, ihn lieben zu können; ja, sie glaubte, die 
Liebe zu ihm sei all’ die Zeit her nur übertäubt ge¬ 
wesen. Ihr Herz drängte dann mit verdoppelter 
Sehnsucht dem Ja entgegen, um sich sofort ein 
trostloses Nein zuzurufen. Es war doch unmöglich, 
absolut unmöglich, dass sie ihm die entsetzliche 
Schmach anthat ... Lind doch — trug er nicht 
selber die Schuld an ihrer verzweifelten Lage ... ? 

fi* 


L 







— 84 — 

Erich aber schien von alledem nichts zu ahnen. 
Er warb und warb, — so zärtlich, so ehrerbietig, 
als wäre dies Mädchen niemals freudestrahlend in 
seine Arme gesunken; als gälte es die heilige Nacht¬ 
wache bei der krokusfarbigen Blume der Sehnsucht, 
die ihren mondscheingebadeten Kelch nur dem ge¬ 
duldigen Kreuzesritter erschliesst, niemals aber dem 
Ungestümen, der mit frevler Hand sie zu berühren 
wagt. 


Anfangs Januar ging das Gerücht, Kurt Leu¬ 
thold werde sich binnen weniger Wochen mit einem 
der schönsten und gefeiertsten Mädchen der Re¬ 
sidenz verheiraten. Die Verlobung habe man aus 
verschiednerlei Gründen bis dahin geheim gehalten. 

Kurt selber hatte dies vollständig grundlose 
Märchen in Fluss gebracht, wie auch er es gewesen, 
der dafür Sorge getragen, dass angebliche Aeusser- 
ungen Erich Matthäi’s über Elma von Udenrieth 
dieser zu Ohren kamen, und umgekehrt, — bekannt¬ 
lich das beste Mittel, eine gegenseitige Neigung zur 
vollen Glut zu entfachen. 

Die Botschaft von Kurt Leuthold’s Verlobung 
gab augenscheinlich bei Elma den Ausschlag. Nun 
war jede Brücke ja ein für allemal abgebrochen. 
Und: was ihm erlaubt war, das stand ja wohl nach 
göttlichem und menschlichem Rechte auch ihr zu. 



on 



— 85 — 

Eine fieberhafte Sophistik war unablässig am Werk, 
ihr den klaffenden Unterschied, den ihr Gefühl 
anerkannte, mit Trugschlüssen zu verhüllen und ihr 
Gewissen in Schlaf zu wiegen. Sollte sie einsam 
bleiben ein ganzes langes trostloses Leben hindurch, 
nur weil sie aus Mitleid, aus hingebungsvollster 
Liebe — aus Verzweiflung beinahe — schwach ge¬ 
wesen? 0, und ihr Herz war jetzt so ruhebedürftig 
so kampfmüde . . . 

Erich’s Leidenschaft wuchs unterdes von 
Stunde zu Stunde. 

Am letzten Tage des Monats schritten die Bei¬ 
den denselben Pfad, den sie damals geschritten, als 
Erich derti holderrötenden Schulkind gesagt hatte, 
dass er sie lieb habe. Der ganze Park war verschneit, 
— vor der Seele Erich’s jedoch stand der leuch¬ 
tende Sommertag, der sein Sehnen erfüllt hatte, 
der ihm jetzt noch tausendmal herrlicher schien, als 
er wirklich gewesen war. Und da nun der junge 
Mann sehr ernst, und doch mit verzehrender Liebes- 
glut an die Vergangenheit anknüpfte und von dem 
Traum einer Zukunft sprach, die eitel Sonne und 
Glück sein würde, — da fing es auch in der ver¬ 
ödeten Brust Elma’s zu blüh’n und zu grünen an, 
als kehre der Mai ihrer ersten unbewusst seligen 
Jugend zurück. Sie vergass alles, alles, was ihr 
hundertmal in den Weg getreten, wenn sie voraus- 


scnauend an diesen 

sagte „Ja“, und wfeder “ ent gedacllt hatte. Sie 
Tönung _ t(i sste “ ch «M Jahr™ dt, 

tippen ihres Erich Mafthäi.' “ rti ' C, ’ er «* 

Im foJ genden Herbsi „ .1 

von Udenrieth die glänzend ° u” ' m Schlosse 

»«lüg i„ ihrl“; H r hzei '*« 

G '^'n, di e M& '“•« »o siegreich 

herein ragen konnten, verbannt T* 2aUbermä ^hen 
Anblick des Myrthenkranzes d' ” lhr Selbst der 
° JeS “«entweihter Jungfräulich^ fr ° mmen Sym- 
die —«► 
Erich Matthäi d G muts trübte 

^ «*«t ö^ahm'del” ran '“ nd2 »“^>e» 
«'«rhchen B.si,»„ gen “ f™*« Teil seiner 

™lI=eerals,ii eh% ef L a od d ' s Sommers 

wairen. D ? r w ? d ™ *' hetai ^” 

“ d ' r Gro “«ad, ve,b,ach t w ' d '"*“">*1 

d “ t)ororheee„pJa, zes eine ' Pnwei, 

1 a ^mietet hatte P aChtlg gerichtete 

ieichte Hanch „ G ' m =-Mir, 

r “» an °" Rancho, ie , der 

?*“ erhöhte ' S °" S ' “ »™i £e 

3 Cr Wenshaft snchte “ " U ' br “' Mi, 

” ver gessen, rvas i hr 






— 87 — 

nach ihrer Abreise von Schloss Udenrieth doch 
wieder aufgetaucht war’ — und es hatte den An¬ 
schein, als solle sie endlich ganz überwinden. Die 
rauschende, farbenreiche Saison, die ungezählten 
Zerstreuungen, die sich ihr darboten, erleichterten 
diesen Kampf mit dem Ewig - Gestrigen. Allen¬ 
thalben bereitete man dem jungen Paare die liebens¬ 
würdigste Aufnahme . . . Elma fühlte, es war nur 
noch eine Frage der Zeit. . . . Die letzten Schatten 
würden im Lichte des neueroberten Glückes zer¬ 
rinnen — auf Nimmerwiederkehr . . . 

Erich vollends schwelgte im Genüsse der Gegen¬ 
wart wie ein jauchzender Epikuräer. Er war zu 
weltklug oder zu leichtlebig, um sich die Freude 
am Jetzt durch unerquickliche Reflexionen trüben 
zu lassen. Der Gedanke, dass Elma einige Monate 
lang die Braut eines anderen gewesen, hatte ihm 
anfangs zwar zu schaffen gemacht; aber schnell 
genug war er mit dem Unabänderlichen fertig ge¬ 
worden. Er beherrschte sich hinlänglich, um sich 
die Dinge nicht über Gebühr auszumalen, oder gar 
in der krankhaften Weise Kurt Leutholds zu phanta¬ 
sieren. Die Hauptsache war: Elma, sein rosiges 
Frauchen, liebte ihn leidenschaftlich; ja, sie hatte, 
wie er sich vorsprach, eigentlich niemals aufgehört, 
ihn zu lieben. Das Intermezzo mit Leuthold war 
eine kurze Verirrung; dass eine Braut sich vom 


88 


Bräutigam küssen lässt, versteht sich von selbst, — 
und hiermit zur Tagesordnung! 

Ach, und diese Tagesordnung war so be¬ 
zaubernd! Man sah jetzt so recht, wie vollkommen 
die beiden Glücklichen für einander geschaffen 
waren! Aus jedem Blumenkelche saugten sie 
Honig; das Schöne, das Ernste, das Grosse, das 
Heitere — alles wurde mit gleicher Genussfähigkeit 
entgegengenommen .... 

Diese traulichen Morgenstunden beim Früh¬ 
stück, wenn der rötliche Sonnenball majestätisch 
über den fernen Dächern emporstieg .... Dies 
fröhliche Wandern durch die menschenerfüllten 
Strassen, die für Elma so neu waren, so unerschöpf¬ 
lich! Vor jedem Schaufenster machten die Beiden 
Halt, und freuten sich kindisch über die Herrlich¬ 
keiten, die da zu Kauf lagen. Ihnen gehörte ja 
alles: vom prunkvollen Renaissance-Palast bis zur 
niedlichen Spielerei in der Auslage des Glaswaren¬ 
händlers; vom kuppelgeschmückten Dom bis zur 
neusten Novelle ihres Lieblingspoeten, die mit dem 
Streifband „Soeben erschienen“ in allen Buchläden 
prangte. Das grosse Wort: „Sehn heisst besitzen“ 
galt hier in seinem verwegensten, überschwänglich¬ 
sten Sinne .... 

Und dann die herrlichen Galerien mit ihrer un¬ 
ermesslichen Fülle von Kunstschätzen, die Schau- 




c~t\y l orrf :t 

SPEEDY BINDER 


7 Syrocu*«, N. Y. 

tI Stockton, Colif. 


— 89 — 

spielhäuser, die wundervollen Konzerte!. . . Ob nun 
Beethoven oder Strauss, Millöcker oder Wagner die 
Kosten des Programms bestritten: das Paar genoss, 
weil es die schönsten, unsagbarsten Melodien, die 
Klänge der Lebenslust, in sich selbst trug. 

Hin und wieder, wenn dies göttliche Nichtsthun 
gar zu ambrosisch ward, fasste Erich den kühnen 
Entschluss, einige Tage lang Fachstudien zu be¬ 
treiben, — und dann türmten sich auf dem eichen¬ 
geschnitzten Arbeitstische dickleibige Bücher zu 
Dutzenden, um flüchtig beaugenscheinigt und dann 
wieder bei Seite geschoben zu werden. . . . Noch 
herrschte zu unabweislich der frühlingswarme 
Scirocco der Flitterwochen. 

Da eines Tages erhielt Erich Matthäi folgende 
Zuschrift: 

„Ew. Hochwohlgeboren 

haben es seiner Zeit statthaft gefunden, ein junges 
Mädchen, das mir vom Schicksal zur Braut bestimmt 
war, durch Ihr äusserst frivoles und abgeschmacktes 
Getändel dergestalt zu entweihen, dass ich später, 
nachdem ich die Thatsache dieser Liebschaft erfuhr, 
nicht umhin konnte, meiner Verlobten in optima 
forma den Laufpass zu geben. Ich darf es hier aus¬ 
sprechen, dass mir diese Verabschiedung keineswegs 
leicht ward. Vielmehr hatte ich mit der Liebe zu 
Elma von Udenrieth alles verknüpft, was ich vom 


Leben an Glückseligkeit hoffen mochte. Sonach 
sind Ew. Hochwohlgeboren vermöge der kläglichen 
Bübereien, die Sie an Elma verübt haben, buch¬ 
stäblich zum Zertrümmerer meines Daseins ge¬ 
worden: Gestatten Sie, dass ich mich sachgemäss 
revanchiere. Aus dem beiliegenden Zettel — einer 
mit der Kopierpresse hergestellten Doublette des 
Originals — werden Sie unschwer entnehmen, dass 
Elma von Udenrieth, wie sie freigebig war mit den 
Zärtlichkeiten der Braut, noch eh’ sie ein Recht 
dazu hatte, so auch vor der Zeit freigebig war mi 
den Zärtlichkeiten einer Gemahlin .... 

Möchte Ihnen, geschätzter Herr, diese glaub¬ 
haft bewies’ne Enthüllung den Lehrsatz plausibel 
machen, dass man mit Dingen, die dem ideal¬ 
fühlenden Menschen heilig sind, nicht bubenhaft 
spielen soll! 

Noch Eins! Elma hat mich wahrhaft geliebt, 

— tiefer und heisser, als ihren jetzigen legitimen 
Gemahl. Sie wird meine Handlungsweise ver¬ 
dammen, sie wird mich verachten und die schein¬ 
bare Niedrigkeit meiner Gesinnungen brandmarken 

— aber trotz alledem schmerzlich erkennen, dass 
ihr bisheriges Glück nur ein Scheinglück gewesen 
im Vergleiche mit dem, was sie thöricht verscherzt 
hat. Jetzt erst wird sie nämlich imstande sein, die 
unermessliche Grösse der Liebe, die ich einst für 




SPEEPY BINDER 
~~ Syracuse, N. Y. 

— 1 ■ Stockton, Colif. 


91 — 


sie fühlte, halbwegs zu begreifen. Nur ein Mensch, 
der geliebt hat wie ich, — wahnsinnig, über alle 
Beschreibung — nur ein solcher Mensch vermag 
eine Rache zu planen, wie ich sie geplant habe, 
wochenlang, monatelang, ruhig, gefasst, kaltblütig 
bei aller verzehrenden Glut seines Innern. Ich, mein 
geschätzter Herr Nachfolger, ich, Kurt Leuthold, 
bin es gewesen, der Ihre Heirat mit Elma von 
Udenrieth inszeniert hat; von mir sind alle jene 
kleinen und kleinsten Gerüchte ausgesprengt, alle 
Bemerkungen kolportiert worden, die Ihrer Eitel¬ 
keit schmeicheln, Ihre Phantasie in Bewegung setzen, 
kurz, die ' Eroberung Ihre« zärtlich veranlagten 
Herzens bewerkstelligen mussten. 

Sie sind mein Opfer I 

Kosten Sie jetzt, ich bitte, in etwas gestei¬ 
gertem Massstab die Gefühle der Qual durch, die 
Ew. Hochwohlgeboren seiner Zeit mir zu bereiten 
die Güte hatten. 

Im Uebrigen stehe ich zu Ihrer Disposition. 

Kurt Leuthold.“ 

Eine volle Stunde verstrich, bevor sich Erich 
Matthäi so weit gefasst hatte, dass er die ahnungs¬ 
lose Elma herbeirufen konnte. 

Er warf ihr die Kopie ihres „Gedenkblattes“ 
mit einer zuckenden Handbewegung aufs Tabou’ret. 

„Lies 1“ 


92 


Elma stiess einen herzerschütternden Schrei 
aus und sank in die Kniee. 

„Das alles ist wahrl“ hauchte sie öden Blicks, 
„wahr wie die Sonne . . . Unglücklicher, wo hast 
Du den Zettel her?“ 

„Lies!“ Er warf ihr nun auch den Brief zu. 
„Ja, es ist wahrl“ wiederholte sie tonlos. „Gott 
der Gnade, was muss er gelitten haben, um so ver¬ 
rucht an seiner angebetenen Elma zu handeln! Er, 
der beste herrlichste Mensch unter der Sonne!“ 
„Gottverfluchte, schamlose Dime!“ rief Erich 
verzweiflungsvoll . . . 

Sie erhob sich. Wie eine Sinnlose starrte sie 
ihm ins bebende Antlitz. 

„Wohl, — ich bin es geworden — durch Dich!“ 
„Das lügst Du — oder sein Wahnwitz hat es 
Dir eingeredet! Unermessliches Elend . . .! Hätt’ 
ich Dich festgehalten von Anbeginn! Gleichviel! 
Meine Thorheit gab Dir kein Recht, mir die Ehre 
mit Schlamm zu besudeln!“ 

„Erich, vergieb mir . . .!“ flehte sie, plötzlich 
in Thränen ausbrechend. „Sieh’, ich hab ihn ge¬ 
liebt, so ganz über alle Beschreibung . . .“ 

„Schweig und verlass mich! Wenn ich ruhiger 
geworden — ruhiger und klarer . . . dann wollen 
wir abrechnen . . .1“ 

Langsam, wie eine Nachtwandlerin schritt sie 


J 



— 93 — 

der Thüre zu. Erich aber zerraufte sich stöhnend 
das Haar und schlug die Stime wider das Holz¬ 
getäfel, dass es laut durchs Gemach dröhnte. 


Drei Tage später kam es zwischen Kurt Leut¬ 
hold und Erich Matthäi zum Zweikampf. Mit 
grosser Geschicklichkeit hatte es Erich verstanden, 
einen Konflikt zu veranlassen, der die wahren 
Beweggründe des Duells im Dunkeln beliess. 

Früh, da kaum noch der Morgen graute, be¬ 
gab man sich in das abgelegene Kiefemgehölz un¬ 
weit des Haidedorfes. Die Sekundanten versuchten 
an Ort und Stelle noch eine Aussöhnung. Kurt 
Leuthold erklärte sich lächelnd dazu bereit; Erich 
Matthäi jedoch lehnte schroff ab. Er schien heftig 
erregt; sein Mund zuckte; krampfhaft zerkaute er 
seinen Schnurrbart. Um so kaltblütiger sah Kurt 
Leuthold der Abwickelung der Affaire entgegen. 

Erich hatte den ersten Schuss. Er zielte fast 
eine Minute lang. Kurt verzog keine Miene. 

„Darf ich bitten?“ sagte er endlich mit höf¬ 
licher Ironie, als die Kugel des Gegners gar zu lang 
auf sich warten liess. 

Der Schuss krachte. Wie ein flatterndes 
Taschentuch schwebte die Rauchwolke seitwärts in 
das Gehölz .... 

„Dankei“ versetzte Kurt Leuthold. Er hielt 




— 9 t — 

die Pistole schlaff in der Rechten und blickte wie 
zerstreut in die rauschenden Kiefern-Aeste. 

„Nun?“ fragte der Unparteiische. „Die Reihe 
ist jetzt an Ihnen.“ 

„Und wenn ich die Absicht hätte, Herrn Erich 
Matthäi am Leben zu lassen?“ 

Erich Matthäi wandte sich stirnrunzelnd an 
seinen Zeugen. 

„Bitte bemerken Sie doch dem Herrn, dass 
solche Redensarten jedem Komment zuwiderlaufen.“ 
„Mag wohl sein,“ erwiderte Kurt. „Aber das 
ändert nichts an der Sache selbst. Ich könnte sehr 
zwingende Gründe haben, Herrn Erich Matthäi das 
leicht verpuffte Leben zu gönnen, aus reiner Malice, 
mein’ ich. Wenn mir zum Beispiel bekannt wäre, dass 
ihn gewisse Entdeckungen wie Gespenster verfolgen.“ 
„Ich nenne Sie einen ehrlosen Schuft, wenn 
Sie von ihrem Recht keinen Gebrauch machen“, 
knirschte Matthäi, die Fäuste ballend. 

Man suchte den Wütenden zu beschwichtigen. 
Dann betonte man auch dem spöttisch blickenden 
Leuthold, dass er durchaus nicht befugt sei, in dieser 
Weise hier aufzutreten. 

„Wohlan denn! Vorwärts I“ 

Erich Matthäi nahm Stellung. Er kehrte, wie 
üblich, dem Gegner die ganze Gestalt im Profil zu. 
„Fertig!“ 




Cyc?^y/ora z== 
SFEEDY BINDER 


Syracuse, N. Y. 
Stockton, Colif. 


— 95 — 


Eine Sekunde später lag Erich mit zerschmet¬ 
terter Kinnlade auf dem bereiften Moosgrund. 

„Die Lippe küsst — — und die Zunge ver¬ 
führt!“ sagte Kurt wie im Selbstgespräch. „Das 
hab’ ich ihm angestrichen 1 Die Wunde ist schwer, 
aber nicht tötlich, Herr Medicus. Pflegen Sie ihn, 
und sorgen Sie, dass die Geschichte geheim bleibt.“ 

So sprechend entfernte er sich. Starr vor Er¬ 
staunen blickte man dem Enteilenden nach. 

Erich Matthäi genas. Für’s ganze Leben blieb 
er furchtbar entstellt. Das einst so liebenswürdige 
Antlitz bekam durch die Zertrümmerung des Kie¬ 
fers einen höchst antipathischen, geierartigen Aus¬ 
druck, der dem Unglücklichen die Thränen ins 
Auge trieb, so oft sein Blick in den Spiegel fiel. 
Auch die Verwundung der Zunge war nicht ohne 
empfindliche Folgen für die Deutlichkeit seines 
Sprechens geblieben. Einsam und in sich gekehrt, 
fand er allmählig einige Tröstung in seinen Studien. 

Elma war an dem nämlichen Tage, der die 
Enthüllung gebracht, heimgekehrt zu ihren tödtlich 
erschreckten Eltern. Von den Armen ihrer Mutter 
umschlungen, beichtete sie rückhaltslos alles, was 
sich ereignet hatte. Sie ist nie wieder froh geworden. 
Zwei Jahre später las man auf einer schwarzgrauen 
Marmorplatte an der Rückwand der Udenrieth’schen 
Familiengrr' 1 • 



Hier ruht in Gott 
Elma Matthäi, 
geh. von Udenrieth. 

Selig, die in dem Herrn sterben. 

Von Kurt erfuhr man auf Monate hinaus nicht 
das Geringste. Er schien spurlos verschwunden. Da 
plötzlich traf er in Dresden wiederum ein, und kün¬ 
dete an allen Plakatsäulen Vorträge an über die 
„Chancen der Ehe“ und die „sittliche Selbsthülfe“. 
Trotz der Dunkelheit des Programms fand er zahl¬ 
reichen Zulauf: aber schon in der ersten Vorlesung 
ward es klar, dass man es mit einem Verrückten zu 
thun hatte. Als seine Hauptquelle zitierte Kurt 
Leuthold fortwährend den grossen Rechtsgelehrten 
Erich Matthäi, der schon vor nahezu achtzehn Jahren 
auf eine durchgreifende Reform gedrungen und die 
Abschaffung des Kusses verlangt habe. Hiernach 
rief er, sich in feierlicher Weise bekreuzend: „Wahr¬ 
lich, Elma, ich sage Dir, wer da küsset dieser Ge¬ 
ringsten einen, der hat Gott geschändet.“ 

Dann brach er in ein gelles, mark- und bein¬ 
erschütterndes Lachen aus und warf unaufhörlich 
Kusshände in den Zuhörerraum . . . 

Unter dem Grausen des Publikums ward er 
hinweggeführt. Seitdem schmachtet der Unglück¬ 
liche in trostloser Geistes-Umnachtung hinter den 
Mauern des Irrenhauses. 


Deutsche Buch- und Kunstdruckerei Q. m. b. H. Berlin SW. 48. 





(Jaytorcl =. 
SPEEDY BINDER 


- Syracuse, N. Y 

- 1 Stockfon, Colif 


In Ecksteins Moderne Bibliothek erschienen bisher: 


A‘UD0L07D35 



B89100607035A 


nd jen- 
»chichten 

Schale 
in denen 
reit and 
Untreue 

iert Et 
*il humo- 

__ ben. 

Fu. nr~ jltuc, At me«,ini u\x *>\ < ..»en? Ein 
.n über das dritte Geschlecht Das 
Buch schildert das sehr freie, burschikose 
Leben der Studentinnen. 

No. 5. Battke, Ada, Kleine Mädchen. 
Lose Geschichten von kleinen Mädchen, die 
hungrig nach Glück und Liebe sind. 

No. 6. Schoebel, A., Talmi-Liebe. Von 
der unechten, der geheuchelten — der Talmi- 
Liebe handelt dies Buch. 

No. 7. Marko, L., Wie sie lieben. Marko, 
dieser neue Stern am Himmel der modernen 
Litteratur, führt uns in diesen Geschichten 
eine Reihe pikanter und amüsanter Situa¬ 
tionen vor Augen. 

No. 8. Reisner, V. von, Die Unschuld. 
Ein Buch voll Humor, Satire und Pikanterie. 

No. 9. Skourronnek, Fr., L e r E r b s o h n. 
Ein Dorfroman aus Masuren. Kultur- und 
Sittenschild erungen aus dem östlichsten 
Deutschland. 

iio. 10 Qorki, M., Malva. Ein »russisches 
Sittenbild. Gorki beschreibt das Leben der 
russischen Fischer. Vater und Sohn sind 
gleichzeitig zu einem lüderlichen Mädchen 
in Liebe entbrannt. 

No. 11. Schlicht, Frhr. von, Treulose 
Frauen. Der Verfasser hat alle Ränke u. 
Schliche der nicht gerade engherzigen 
Frauen durchschaut. Er schildert diese 
mit köstlichem Humor. 

No. 12. Oorki, M., Dreizehn und Eine. 
Wie überall, so weiss Gorki auch hier 
seine aussergewöhnliche Begabung für 
psychologischeBeobachtungen zu offenbaren. 

No. 13. Eyssel- Killburger, C., Das böse 
Buch. Eine Reihe geistvoller und höfchst 
amüsanter Satiren auf unsere gesellschaft¬ 
lichen Verhältnisse mit mancher Keckheit. 

No. 14. Müller, O. A., Brautnacht. Es 
ist erstaunlich, wie meisterhaft der Autor 


Preis pro Band 50 Pf., geb. 75 Pf. 


»realistisch* schildert, um gleichzeit 
Leser in tiefster Seele zu packen. 

No. 15. Battke, Ada , Heimliche Bt 
Die hervorragende Begabung der 
fasserin, der ganz besonders pricl 
Reiz ihrer Darstellungen liegt darin, 
sie es, was sonst nur den Franzos< 
geben ist, vermag, die stark realist 
Stoffe mit einem Duft, einet Zarth< 
umkleiden, die auch das Abstossen 
künstlerische Formen fasst. 

No. 16. Tschechhoff, A., ’^rhängnis 
Autor behandelt hier seffrTreien Stol 
Ehebruch und ähnliches. Die Ueberst 
ist meisterhaft. 

No. 17. Halster, George, Auf sumpf 
Boden Ein Grifft eine jener mod 
sozialen Einrichtungen ans Licht zei 
welche in der guten Gesellschaft, 
anderemAushängeschild den jungen Mä< 
den Weg gewissermassen freuncllichst 
Jtuixi Stand der Demi-vierges. 

No. 18. Duncker, Dora, Gross-Be 
Emt‘. echte Schilderung des Grossstadtli 
mit allen seinen Klippen. 

No. 19. Duc, Aitnee, Ich will. Rc 
Freier Wille der Frau und die Folgei 
Durchsetzens eines Willens gegen 
gesellschaftlichen Zwang. 

No. 20. Rehren, Ludmilla von . V o m Bj 
der Erkenntnis. Diese realistis 
Novellen erzählen mit gleicher Wärme 
dem Liebeseinpfinden einer jungen kü! 
wie von dem Kampf zwischen Liebe 
Pflicht im Herzen eines jungen Priest! 

No. 21. Rust, Edela, Frauenherzen, 
geistreiche Variationen der Frauenlieb 

No. 22. Meyer - Förster, E., Theaternri 
und Anderes. Die Verfasserin steigt ii 
Tiefen der Weltstadt, sucht die Laste 
begründen und ihre Opfer nach Möglicl 
zii entschuldigen. 

No. 23. Eckstein, Ernst, Elma’s Bräutig 
Der Held quält seine Braut mit unbetf 
deter Eifersucht und treibt sie schlies! 
zur vollständigen Hingabe, worauf er 
verlässt Eine psychologisch fein 
wickelte Novelle des grossen Schnftstel 

No. 24. Junk, W., Wie sie uns betrug 
Verfasser schildert die Verhältnisse ZW, H 

Mann undWeib, soweit dieselb. die Urs^ 

der Untreue betreffen oder zu dieser ful^ 


Aii Modernen Romanen etc. erschienen in demselben Verlag: 

heiten für Mann und Weib, stellt ih 
allerding 4 auch gleiche Verpflichtung 
Prevost, Marcel, Das Kind der _ 
brecherin. Brosch. 2 Mk., gbd. -3h ■ 


Gelre, Annie van, Geschichte einer Ehe. 

Brosch. 3 Mk. Der Gatte, ein Lebemann, 
hintergeht seine schöne junge Frau. Die 
Schilderung ist lebenswahr, doch bietet.der 
Roman wegen seines heiklen Stoffes nur 
Lektüre für reife Menschen. 

Lee, Heinrich, DiePariserin. Brosch. 2 Mk., 
gbd. 3 Mk. Mit Hnmor und Pikanterie 
schildert der Verf. das Pariser Leben und 
Treiben auf den Boulevards, in den Caf6s, 
in dem berühmten „Moulin rouge* etc. 

Marko, L., Shocking. Preis brosch. 2 Mk., 
gbd. 3 Mk. Ueberbrettl-Verse, graziös, 
pikant, ja keck und ungezogen, die bei 
Vortrag reichen Beifall finden. 

.V athusius, Annemarie von, Mann und 
Weib. Preis brosch. 2 Mk., gbd. 3 Mk. 

DieVerf. verlangt gleichesRecht, gleicheFrei- , ____ 

Zu beziehen durch jede Buchhandlung. Wo nicht vorrätig, wende man sich an den 
Richard Eckstein Macht. (H. Krüger) Berlin W. 57, Bülow-Str»*»' 


Thema, wie es heikler kaum gedachte 
kann. Die Mutter eine Ehebrecherin,^ 
kann aus dem Kinde besseres werden' 

Stratenus, L., Fürstin und Märty 
Brosch. 4 Mk. Dar Buch giebt -:«!< 

über das Leben und den Tod . 

Elisabeth von Oesterreich, s 0 ^ 1 ® « 

Tod des Kronprinzen Rudolf. In Oos 
wurde dasselbe beschlagnahmt. ,. 

Truth, Frauenehre — Frau« » 
Brosch. 2 Mk., gbd. 3 Mk. Lebemänner] 
schöne Frauen, Börsenbarone uB y ( 
vom Ballet schildert die interessant 
in dem Werke. 


51 


w -— 

SPE EDY BINDER 
Syrocuse, N. Y. 

' Stockion, Colif. 


A11QQ(aD?D35